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Hey Dude, wo ist meine Revolution?
Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein: Hans Weingartners Versuch über revolutionäres Aufbegehren und das vorhersehbare Scheitern eines unfreiwilligen, politischen Kidnappings. Der beste Beitrag zum Thema seit... Na ja, seit langem jedenfalls!


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Als „Die Erziehungsberechtigten“ brechen Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) in die Villen reicher Bürger ein und richten dort ein Chaos an. Gestohlen wird nichts, lediglich eine markige Botschaft hinterlassen: „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zuviel Geld“. Die Wut der beiden Aktivisten richtet sich gegen ungerechte Verteilung der Güter, und Vormachtstellung der westlichen Welt.

Als Peters Freundin Jule (Julia Jentsch) sich in Jan verliebt, wird sie in das Geheimnis der beiden eingeweiht. Sie überredet Jan, in die Villa eines Industriellen einzubrechen, dem sie wegen eines Autounfalls eine immens hohe Summe schuldet. Als die beiden vom Hausherrn, Hardenberg (Burghart Klaußner), überrascht werden, sehen sie nur einen Ausweg: Mit Hilfe Peters entführen sie den Mittfünfziger auf eine Berghütte. Schon bald entpuppt sich das spießige Entführungsopfer als Alt-68er mit Love & Peace-Vergangenheit. Die problematische Dreiecksbeziehung zwischen den jungen Revoluzzern macht die überstürzte Aktion nicht unbedingt einfacher...

Kritik
In einer unspektakulären Szene des Films bringt Jan seine Einstellung auf eine einfache Formel: „1. Schritt: das Unrecht erkennen, 2. Schritt: Handeln!“ Ist diese Losung erstmals ausgegeben, folgt ihr auch der ganze Film.

Zuvor müht man sich aber noch etwas mit abgekauten revolutionären Parolen und bekannten Situationen ab: Eine Antiglobalisierungsdemo, eine Zwangsdelogierung, ja sogar eine Fahrscheinkontrolle muss herhalten, um den Unbill unseres täglichen Lebens möglichst deutlich zu machen. Um die jugendlichen Protagonisten von soviel Spießigkeit deutlich abzuheben, lässt sie Weingartner ihre Sätze vornehmlich mit einem „Hey“ beginnen – und nicht selten mit einem Schimpfwort beenden. Das kennt man bereits aus Das weiße Rauschen, doch auch dort war das letztlich kein Hindernis für einen insgesamt sehr gelungenen Film.

Als zwei der drei Revoluzzer bei ihrem Einbruch von Hardenberg überrascht werden, überschlägt sich die Handlung: Kurzerhand entführen sie den Industriellen – der sich als Feindbild freilich vortrefflich eignet – und ziehen sich mit ihm auf eine Berghütte zurück. Mit dem inhaltlichen Hackenschlag geht auch eine Änderung der Erzählweise einher: Die Regie widmet sich fortan stärker der pressanten Dreiecksbeziehung, die über die Person der Geisel eine weitere problematische Komponente erfährt.

Markige Sprüche werden von zurück genommenen Beobachtungen abgelöst, die komplexe Beziehungskonstellation wird mehr und mehr fassbar. Ein Verdienst, der nicht zuletzt auf der Leistung Burghart Klaußners beruht, denn während die drei Entführer sich stets ein wenig mit ihrem jugendlichen Überschwang abmühen, ist es sehr bald der Charakter Hardenbergs, der Situation und Schauspiel dominiert:

Das ginge alles ganz langsam, meint er einmal zu Jan. Irgendwann wolle man eben ein vernünftiges Auto, man bekomme Kinder, wolle denen etwas bieten, und ehe man es sich versieht, stehe man in der Wahlzelle und erwische sich selbst dabei, wie man das Kreuz bei CDU mache. Ein Monolog, der über die gesellschaftlichen Mechanismen wohl viel mehr verrät als all die bemühten Diskussionen, die der Film zuvor auffährt. Beinahe schade, dass Hardberg dennoch der Bösewicht vom Dienst bleiben muss. Als sich seine vermeintliche Solidarität für die Entführer letztlich doch als Heuchelei herausstellt, mag das gar ein wenig enttäuschen. Denn wenngleich der Film sonst nicht mit romantischen Revolutionslosungen spart, vergönnt er seinen Protagonisten schließlich nicht einmal diesen kleinen Erfolg. Und der wäre vielleicht noch viel schöner, als das Wissen darum, dass die drei Aktivisten letztlich doch noch einen Schritt voraus sind.

Als nur teilweise nachvollziehbar erweisen sich also all die Kommentare, die dem Film ein Happy End attestieren. Wenngleich das freilich nur für die Erzählung gilt, denn eine Low-Budget Produktion, die sich einem derart schwierigen, weil abgegriffenen Thema widmet, es dabei aber dennoch vermag, Nachdenkprozesse auszulösen, kann trotz aller Kritikpunkte getrost als geglückt bezeichnet werden.

Trivia - Geschichten und Gschichterln

„Die fetten Jahre“ sind Weingartners zweiter Spielfilm. Gleichzeitig ist die deutsch-österreichische Koproduktion der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag zu Cannes seit 1993. Das allein ist bereits eine Ehrung. Aber auch sonst sparen Kritiker nicht mit Lob. Um den Vorarlberger Weingartner, der sich von all dem recht unbeeindruckt zeigt, ist gar ein kleiner Vereinnahmungskampf entstanden. Gern wird er hierzulande als österreichischer Regisseur tituliert. Dennoch lebt und arbeitet er zurzeit in Deutschland. Schon wie der erste Film Weingartners (Das weiße Rauschen, das Daniel Brühl zum Shootingstar machte) wurde auch Die fetten Jahre sind vorbei vollständig auf Video gedreht.

Das allesfilm.com-Interview mit Hans Weingartner
Die offizielle Seite zum Film
http://www.diefettenjahre.de/index_flash.html