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Der Untergang
Das Finale des grausamsten Kapitels der deutschen Geschichte in einem Film, der gesehen werden soll.


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Betrachtungen von Thomas Taborsky

April 1945: Adolf Hitler (Bruno Ganz) hat sich mit seinem Stab und seinen Mitarbeitern in den Führerbunker unter der Reichskanzlei zurück gezogen. Obwohl Berlin in Artilleriereichweite der Roten Armee liegt und die Stadt langsam eingekesselt wird, will er bleiben. Stunde um Stunde rücken die Sowjets näher, während Hitler noch immer auf Entsatz hofft. Als er schließlich einsieht, dass der Kampf verloren ist, beschließt er, sich das Leben zu nehmen.

Kritik
Es ist erstaunlich, wie hartnäckig die Faszination am Dritten Reich ist und wie gleichermaßen rapide der Wille abnimmt, diese Zeit mehr als nur zu streifen. Medial herrscht heute breite Vereinfachung: Der Mensch Hitler wird - und ist bereits - Mythos, indem man ihm menschliche Eigenschaften abspricht und zum Sinnbild des Bösen macht. Eine tiefer gehende Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ist vor allem für Deutsche noch immer ein künstlerisches und gesellschaftliches Wagnis: Gerade mal sechs Monate ist es her, dass Cay Wesnigk, der Produzent der Dokumentation Hitlers Hitparade, vor meinen Augen bei einem Filmfestival in Tel Aviv wild angegriffen wurde – weil sich da ein Deutscher erdreistet, zwischen die Bilder der KZ-Transporte und toten Soldaten am Wegrand (die Realität) tatsächlich lachende Menschen (der Propaganda-Scheinwelt) zu schneiden.

Wenn also ein Produzent wie Bernd Eichinger an der Faszination Zeitgeschichte Geld verdienen will, wird er dies tun, ohne irgendwo gröber anzuecken – weder in die eine noch in die andere Richtung. Zu diesem Zweck wird die Authentizität ins Treffen geführt: In einer peinlichst genau rekonstruierten Umgebung spielen bei Der Untergang die namhaftesten Schauspieler, die zu haben waren, ihre historischen Gegenparts so echt wie möglich nach. Wir erleben die Geschehnisse durch die Augen von drei der noch am wenigsten verstrickten Personen: eines selbstaufopferungsvoll helfenden SS-Arztes, eines Hitlerjungen und Traudl Junge, einer von Hitlers Privatsekretärinnen. Teile der Dokumentation Im toten Winkel von André Heller wurden als Pro- und Epilog wohl teuer eingekauft, um ja auch für alle festzulegen, wer hier Sympathieträger sein soll.
Junge-Darstellerin Alexandra Maria Lara meistert ihre Aufgabe als Mitläuferin, die durch den Strudel der Ereignisse mit gespült wird, tapfer die Goebbels-Kinder betreut oder sich zu letzten Parolen hinreißen lässt, gekonnt. Unweigerlich liegt aber die Aufmerksamkeit nicht auf ihr, sondern bei Ihm: dem „neutralen“ Schweizer Bruno Ganz als Adolf Hitler. Was er mit dieser Rolle anzufangen weiß, ist unfassbar: Nicht nur vermag er es, den zum Unmenschen stilisierten durch bestimmte väterliche, fast umsorgende Szenen zum menschlichen Wesen – und damit umso entsetzlicher – zu machen; Selbst der Gang auf der Grenze zur Karikatur gelingt ihm. Auch, wenn die Anziehungskraft des Diktators hier im Dunklen bleibt: es ist am Ende die Fratze, die wir aus zahlreichen Originalaufnahmen kennen, die uns in Der Untergang anblickt - Mehr als hier sollte niemand zum Hitler werden dürfen.

Sogar nach Ganz’ Filmtod sind die weiteren Akteure zu kurz aufblinkenden Nebenfiguren degradiert; Bestenfalls Corinna Harfouch als Magda Goebbels bekommt aufgrund der Grausigkeit ihres Treibens mehr Entsetzen entgegen gebracht. Dazu bei trägt auch, dass viele Handelnde namentlich erst im Epilog genannt werden – kein Wunder bei der Anzahl der Agierenden. Um den Film auf einigermaßen kinotaugliche Länge zu trimmen, wurde vieles verkürzt: Von Speers gegen Ende zwiespältiger Beziehung zu Hitler und dem mutmaßlichem Plan, Gas in die Bunkerventilation einzuleiten, bleibt so als Zerrbild nur das letzte Gespräch – und ein kurzer Streifblick in den Belüftungsraum. Die Authentizität endet vollends beim Hitlerjungen, der – als Kondensat für seine gesamte Generation – vom Führer ausgezeichnet wird, die Panzerfaust in die Hand bekommt, tote Gleichaltrige sieht, dessen Wohnung geplündert und der Vater aufgeknüpft wird und der – um dem Fass den Boden aus zu schlagen – schließlich an der Hand von Traudl Junge aus Berlin stapft.

Das Endspiel, das Regisseur Oliver Hirschbiegel abwickelt, ist ähnlich seinem Film Das Experiment ein Strudel, der hier an Vignetten von psychologischer Extrembelastung vorbei ins fast Makabere führt. Am Beginn steht Juliane Köhlers fast hysterische Eva Braun, die feiern will, was nicht mehr zu feiern ist, bis ein Granateinschlag dem ein Ende setzt. Sofort nach dem Tod ihres fanatisch nicht-rauchenden Führers steckt sich später die Entourage die Kippen ins Maul – Grabeshumor, der stimmig eingesetzt wird und das Geschehen ein wenig mildert, zugleich doch tiefster Ausdruck einer Situation wird, die nur als Warten auf die Apokalypse gesehen werden kann.

Die Menschen, die hierzulande ums Leben fürchten mussten, als die Stalinorgeln über ihren Köpfen pfiffen, als der Kuckuck im Radio schrie, werden alt, und in den Ohren der nachrückenden Generation klingt all das – wenn es ihr überhaupt erzählt wird – unglaublich fern. Europa droht, den Krieg zu vergessen, daher müssen ihm die vergangenen Schrecken an den eigenen Beispielen vor Augen geführt werden. Trotz der Bemühungen des Films, nicht zu viel zu werten, und der Konzessionen, die gegenüber der Kinotauglichkeit gemacht wurden, spricht das, was zu sehen ist, für sich; Der Untergang sollte daher, so wie er ist, allen Schülern von 12 bis 18 vorgeführt werden, denn diese Bilder werden sich den Kindern besser einprägen als der Geschichtsunterrricht.
Umfassende Informationen und Literaturhinweise zum Dritten Reich auf shoa.de
http://www.shoa.de/das_dritte_reich.html