Ob als Opfer oder Täter, schlecht erzogen wurden sie alle. Schlecht erzogen, und das heißt in ihrem Fall missbraucht, wurden auch Enrique (Fele Martinez) und Ignacio (Gael García Bernal). Gemeinsam besuchten sie eine Klosterschule, gemeinsam entdeckten sie ihre homophilen Neigungen und gemeinsam wurden sie schließlich auch Opfer der sexuellen Übergriffe ihres schlechten Erziehers, Padre Manolo. Jahre später besucht Ignacio, mittlerweile ein verhinderter Schauspieler, der sich nun mit peinlicher Beharrlichkeit Ángel nennt, seinen ehemaligen Schulkollegen und einstweilen erfolgreichen Jungregisseur. Ihm, Enrique, will er sein neuestes Skript anbieten. Der Inhalt: große Teile ihrer eigenen Vergangenheit inklusive Hauptrolle für Ignacio alias Ángel...
Die schwarze Kutte als Deckmantel für uneingestandener Gelüste Dass hinter Klostermauern nicht immer nur gebetet wird, das ahnten auch schon die Naivsten von uns. Und das nicht erst, seit es hierzulande jüngst einmal mehr evident wurde. Im sonnigen Spanien der achtziger Jahre mag es kaum anders gewesen sein, denn was uns Almodóvar in seinem neuesten Film über die Geschehnisse an einer Klosterschule ausbreitet, das lässt den Begriff der Bigotterie zu einem Hilfsausdruck verkommen. Eine bizarre Karikatur, wenn die Priester ihre Kutten Hochheben, auf dass sie mit den jungen Buben Fußball spielen können, ohne dass ihnen dabei die christliche Uniform hinderlich wird. Einmal mehr ist das Gefallen an Almodóvars Arbeit den gewitzten Metaphern und wohl komponierten Bildern geschuldet. Dabei scheint es dem Film auch an autobiographischen Elementen nicht zu mangeln: Almodóvar, selbst in einer Klosterschule „erzogen“, begann in den 70ern als eifriger Filmemacher, der spätestens mit
Mujeres al borde de un ataque de nervios zum international gerühmten Film-Autor aufstieg. Homosexualität ist stetes Thema in Almodóvars Arbeiten, und auch wenn er in seinem neuesten Werk eine intensive Stimmung wie sie beispielsweise für seinen letzten Film
Hable con ella maßgebend war, nicht immer zu halten vermag, so bleibt die Handschrift des Regisseurs dennoch unverkennbar.
Film im FilmMit den autobiographischen Bezügen geht ein dramaturgisches Konzept einher, das behände zwischen Fiktion und erzählter Welt pendelt. So wird schließlich auch die vermeintliche Fehlbesetzung des mexikanischen Shooting-Stars
Gael García Bernal, der aufgrund seines maskulinen Habitus der Rolle eines Transvestiten nicht ansatzweise genügt, zum Joker einer gerissenen Erzähltechnik. Ungelenk stolpert Ángel durch seine Lüge. Das Erfundene vermag seine hässlichen Hintergründe freilich nicht dauerhaft zu kaschieren, bröckelt ab und gibt endlich den Blick auf die Wahrheit frei. Klar, dass der Engel letztlich fallen muss. So reiht sich La mala educación nahtlos in die Filmographie des spanischen Regisseurs und bleibt dabei dennoch ein brüchiges Werk voll eigentümlicher Schönheit.