Gewalt im Film. Letztlich eine Diskussion um den Barte des Propheten bei
Quentin Tarantino. In seinem 4. Film, plündert das gefeierte Regiewunderkind der 90er mit Verve und Leidenschaft die eigene Videosammlung, um nebenbei
Uma Thurman auf den blutigsten Rachezug des westlichen Kinos zu schicken; Wohlgemerkt des westlichen. Denn im japanischen Yakuza-Film, dem der Kinorevoluzzer fast die gesamte 2. Hälfte von
Kill Bill: Vol. 1 schenkt, ist Gewalt traditionell Mittel visueller Ausdruckskraft. In Zeitlupe ausgeführte Hiebe mit dem Samuraischwert, die das Blut in Springbrunnenfontänen senkrecht in die Höhe spritzen lassen, auf dem Boden kullernde Gliedmaße und spontane Überwindungen der Schwerkraft prägen das dortige Genre wie Maschinengewehrsalven das Hollywood-Actionkino.
Insofern mutet es entsprechend seltsam an, wenn sich die – durchaus begrüßenswerte – Debatte um Gewalt im Film ausgerechnet an Tarantinos aktuellem Werk entzündet. Hat der Regisseur doch in der Vergangenheit bewiesen, dass er fähig ist, Gewalt als Alltagskomponente zu stilisieren und überhöhend darzustellen. So auch hier.
In Kill Bill tut die auf den Spitznamen „Die Braut“ – oder alternativ „Black Mamba“ – hörende Blondine in Gestalt der im gelben Trainingsanzug so gar nicht grazil wirkenden Thurman in 1 ½ Stunden nichts anderes, als ihren ehemaligen fünf Gangmitgliedern, angeführt vom mysteriösen Bill (David Carradine), die blutige Rechnung für ihren komatösen Spitalsaufenthalt zu präsentieren.
Jene dazu ursächliche, in einer texanischen Bar spielende Szene, die Blutbad und zugleich Ausgangspunkt für einen Feldzug gegen ihre einstigen Mitstreiter bildet, wird erst im zweiten Teil in voller Länge zu sehen sein. Ebenso der Showdown mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber Bill. Warum Tarantino den 180 Minuten-Amoklauf in zwei Teile gesplittet hat, ist nicht nur mit mangelndem Sitzfleisch seiner Fans oder Vermarktungsstrategien zu erklären. Spätestens nach der finalen Kampfszene im Schnee, in deren Verlauf die grandiose Lucy Liu als Yakuza-Oberhaupt von Tokyo ebenso Kopf und Haare lassen muss wie schon zuvor Kollegin Copperhead (Vivica A. Fox), zeigt sich: Vol. 1 mit seiner buchgleichen Einteilung in Kapiteln, den kantig geschnittenen Einstellungen, verschiedenen Zeitebenen und glamourösen Farb- und Lichtübungen funktioniert nur so lange, als Tarantinos visuelles Repertoire nicht ausgereizt ist. Am Ende von Teil 1 schwirren so viele Genreverbeugungen im Kopf des Zusehers herum, dass eine Übersättigung droht.
Denn gekleckert wird in Kill Bill selten, schon eher geklotzt. Was sich beim Soundtrack zu einer seltenen Menage formidable entwickelt – da wird aus Nancy Sinatra, Wu-Tang-Clan Rapper RZA und Zamfirs Panflötenballade „The lonely shepherd“ die absurdeste und zugleich spaßigste Klangcollage seit langem – läuft bei Tarantinos Huldigungsgesten an Spaghettiwestern, Martial Arts und Slapstick Gefahr, zum aufgeblasenen Ballon zu verkommen. Zu wenig Wert auf Verdichtung der Charaktere wird da gelegt, bisweilen nur der Gestus groß geschrieben. Höhepunkte wie jene Sequenz, in der sich „die Braut“, in Japan angekommen, in einer Sushibar mit dem dortigen Hausherrn auf englisch-japanische Wortspielereien einlässt, geben nur einen Einblick in Tarantinos Fähigkeit zum karg-pointierten Dialogwitz, wie er in „Pulp Fiction“ Dauerzustand war.
Trotz Defizits an Blaxploitation-Zutaten: In der Würdigung seiner Trash-Idole zeigt Tarantino vor allem eines: große Liebe. Die spürt man als Zuseher, wenn er O-Ren Ishiis Kindheit ausschließlich als Manga-Comic mit ungeheurer Detailtreue gestaltet. In der großen Kampfszene im „House of Blue Leaves“, wo hunderte Schergen der japanischen Unterweltheldin anscheinend nur darauf warten, die Klinge von Thurmans Samurai-Schwert in die Gliedmaßen gerammt zu bekommen, offenbart er neben Einfallsreichtum bei den Spielarten der Massakrierung Fähigkeit zur Ironie am bearbeiteten Genre: Ishiis privater Bodyguard (Chiaki Kuriyama – bekannt aus Battle Royale) Go-Go Yubari im Schulmädchenlook spielt mit dem japanischen Erotikgenre, während die Girlies von The 5.6.7.8’s „Woo Hoo“ in die E-Gitarren dreschen. Bis Thurman den nächsten Gegner kalt stellt...
Damit erfüllt Kill Bill letztlich nicht nur die Erwartungen der „Gewalt“gegner, sondern auch die seiner Hardcore-Fans. Dazwischen bleibt freilich nicht viel Platz.