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Bamboozled
Spike Lees sozialkritische Abrechnung mit der Show-Branche und ihren rassistischen Methoden. Eine ungemütliche Anklage, ein großartiger Film!


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Eine Kritik von David Krems

Pierre Delacroix (Damon Wayans), der afroamerikanische, leicht dandyhafte Autor einer Fernseh-Show sieht sich unter Zugzwang, da sein quotengeiler Boss (Michael Rapaport) nach einer neuen erfolgreichen Sendung verlangt. Die Leute hätten genug von überzogener Political Correctness und weich gespülter Unterhaltungsware. Es müsse endlich wieder etwas mit Biss her.
Delacroix beschließt, den „Idioten“ zu geben, wonach sie verlangen...

Kritik
Was ist eine Satire? Ein nicht unwesentlicher Hintergrund, wenn eine Debatte über Bamboozled, den neuesten Film des afroamerikanischen Kultregisseurs Spike Lee, ansteht. Von einer bissigen Satire kann man da nämlich regelmäßig lesen. Oder davon, dass der Regisseur einmal mehr Vorurteile aufs Korn nimmt. Allesamt also recht wohl klingende Umschreibungen für einen ungemütlichen Film, dessen Thematik in Pressearbeit und Teilen der Kritik auf entlarvende Weise nachzuwirken scheint. Nicht von ungefähr also beginnt Pierre Delacroix, Autor für Unterhaltungssendungen bei einem großen amerikanischen TV-Sender, mit einer diesbezüglichen Erörterung. Dann erst setzt die eigentliche Erzählung ein. Dunwitty, der Programmverantwortliche des Senders, der dem Irrtum anheim fällt, dass eine Ehe mit einer Afroamerikanerin und die Ehrerbietung an schwarze Spitzensportler davor schützen, rassistischen Vorurteilen aufzusitzen, sieht seine Quoten sinken und verlangt nach einem kommerziell erfolgreichen Programmformat.

“Feed the Idiot Box“ steht auf einem Schild über Delacroixs Fernseher, und der Autor beschließt es wörtlich zu nehmen: Er entwirft eine Show, die in der Tradition der frühen Varieté-Unterhaltung wurzelt. Die als Vorlage dienenden „Minsterl-Shows“ haben ihren Ursprung im frühen 19. Jahrhundert, als man Afroamerikaner mit von Kohle geschwärzten Gesichtern, sogenannten „Blackfaces“, als tollpatschige Idioten auftreten ließ. Delacroix engagiert also die beiden farbigen Straßenkünstler Manray (Savion Glover) und Womack (Tommy Davidson), lässt sie in alberne Kostüme stecken und schickt sie auf die Fernsehbühne. Als idiotische Possenreißer werden sie die Stars der „Mantan-Show“, die unverhohlene Herabwürdigung Farbiger als kontroversen Inhalt verkauft – und prompt zu einem sensationellen Quotenerfolg wird.

Doppelter Boden: Spike Lees gerissene Inszenierung legt Bilder über Bilder. Die „Mantan Show“ mit ihren multikulturellen Fans, die ihre Gesichter ebenfalls schwarz einfärben und sich auf dummdreiste Weise als „Nigger“ bezeichnen, darf als unmissverständliche Metapher auf die Unterhaltungsbranche gelesen werden. Nicht zufällig wird dann auch an zentraler Stelle des Films „für mich zum Schotter“ geschrieen. Sowohl Cameron Crowe als auch Cuba Gooding Junior dürfte dabei das Lachen schwer fallen. Lee macht mit derartigen Seitenhieben immer wieder deutlich, dass sein Film sehr nahe an der Realität liegt – und dass sich eben diese nicht selten von der Dialektik zwischen medialer Inszenierung und historisch gewachsenen Vorurteilen gekennzeichnet sieht. So gerät auch die Darstellung der militant-radikalen Rap-Band rund um den Bruder von Delacroixs Assistentin derartig stereotyp, dass man meinen könnte, man habe es mit einem MTV-Beitrag zu tun. Dass sich unter den Mau Maus, wie sich die Band nennt, auch durchaus bekannte Gesichter tummeln, ist Teil des ausgeklügelten Regie-Prinzips, dass mitunter auch selbstreflexive Züge trägt: Ausschnitte aus Malcom X begegnen einem in Bamboozled ebenso wie der Name Spike Lee. Verschont wird hier niemand. So wird schließlich auch Tommy Hillfiger zu Timmi Hillnigger, wodurch man dann zumindest an einer Stelle ungestraft schmunzeln darf.

Spike Lee liefert eine gelegentlich witzige, mitunter beinahe dokumentarische, zumeist jedoch erschreckende Auseinandersetzung mit den historischen und alltäglichen Rassismen der Show-Branche. Den moralischen Unterton, der vor allem die letzten Wendungen der Handlung bestimmt, sieht man dem Film schon alleine deshalb gerne nach, weil er sich gegenüber allzu plumpen Fingerzeigen sonst weit gehend verweigert: Der Bestimmtheit seiner Aussage tut das jedoch keinen Abbruch. Hinter der selbstgefällig grinsenden Fratze einer Satire versteckt sich eine todernste Anklage.