Matt Murdock (
Ben Affleck), Sohn des abgehalfterten Preisboxers Jack "The Devil " Murdock, muss mit ansehen, wie sein Vater an den Docks Geld eintreibt. Es ist das letzte, was der Junge sieht: Ein Unfall mit einer Chemikalie lässt ihn erblinden. Doch schon bald bemerkt er, dass ihm neue Kräfte gegeben sind: Er hört die kleinsten Geräusche, riecht besser als jeder andere und hat einen Sinn, der ihm besser als ein Radar seine Umgebung zeigt. Zusammen mit seinem Vater kämpft er für einen Neuanfang, doch der dauert kurz: Jack wird, nachdem er sich weigert, einen Kampf zu türken, ermordet.
Jahre später ist Matt ein aufopfernder Anwalt für die kleinen Bürger geworden. Noch immer sucht er den Mörder seines Vaters, den Mann, der damals eine rote Rose auf die Leiche warf. Während er hofft, ihm eines Tages zu begegnen, kämpft er jede Nacht gegen Verbrecher. Niemand kennt seine zweite Identität als Daredevil, auch nicht der sensationsgierige Reporter Urich (
Joe Pantoliano), der ihm schon seit Jahren auf den Fersen ist.
Als Matt in einem Cafe der geheimnisvollen Elektra Natchios (
Jennifer Garner), der Tochter eines schwerreichen Mannes mit Beziehungen zur Unterwelt, begegnet, wird bald darauf auch der Gangsterboss von New York, Kingpin (
Michael Clarke Duncan) auf den Mann ohne Furcht aufmerksam...
Filmhelden entstehen aus Leid: Leid, das ihnen oder ihren Liebsten zugefügt wird, Tragödien, die ihre Kindheit erschüttern oder schmerzvolle Opfer, die sie straucheln, aber nicht fallen lassen. Damit wäre eigentlich auch schon die Story von
"Daredevil" umrissen, die auf den gleichnamigen
Marvel-Heften basiert. Von denen ist allerdings nur noch ein Teil der Charaktere übrig geblieben; den anderen bekam
Spiderman, der, bevor die Welt zwischen zwei Filmfirmen aufgeteilt wurde, noch im selben Comic-Universum lebte. Jetzt darf sich Enthüllungsreporter Ben Urich eben nur beim Blinden Rächer herumtreiben.
Puristen werden auch der Geschichte wegen sauer sein: Nicht nur die Figuren haben sich für die Leinwand deutlich verändern müssen - Elektra zB war in der Vorlage wesentlich weniger brav - mehr noch: Sogar die Begebenheit, warum Klein-Matt damals blind wurde, ist nicht mehr die selbe.
Daredevil-Erfinder
Stan Lee hinderte das aber nicht, genau wie Ex-Redakteur
Kevin Smith auf ein Cameo vorbei zu schauen.
Der Film selbst baut auf vier Säulen auf: Pathos, Liebesgeschichte, humoristische Einlagen und Soundtrack. Die fünfte Säule, die Effekte, ist kein tragendes Element, sondern reiner Schmuck: Gerne nahm die Produktion die kolportierten 30 Millionen Dollar Zusatzbudget, die sie nach dem Erfolg des Konkurrenzfilms
Spider-Man erhielt, und butterte sie in CGI und einige Kampfszenen. Pech nur, dass der warme Geldregen keine originellen Einfälle heraus lockte: Sieht man den Fight zwischen Elektra und Matt Murdock am Kinderspielplatz, fühlt man sich sofort in den
Matrix-Dojo zurück versetzt. Vor dem geistigen Auge ziehen dann nicht mehr
Ben Affleck und
Jennifer Garner vorbei, sondern
Lawrence Fishburne winkt
Keanu Reeves zum nächsten Angriff heran. Wesentlich mehr Gewicht hat der Pathos: Langatmig wird da jede inhaltliche Entwicklung ausgewalkt, und auch ohne die längst zum Muss verkommenen Zeitlupen bricht kollektives Gähnen aus.
Der Saal kann sich die müden Augen reiben, wenn
Jennifer Garner als
love interest ins Spiel kommt. Auch dieser Teil erweist sich aber als zu ausführlich, so als ob man schon im Hinterkopf den ersten Elektra-Film geplant hätte. Genau wie in ihrer Serie
Alias darf
Garner ihre athletischen Talente einsetzen - und ebenso bitterlich weinen. Ihr gehört dann auch die beste Szene im Film, als Elektra, verbittert durch den Tod ihres Vaters, für ihre Rache an Daredevil trainiert. In dieser beinahe minimalistischen Einstellung mit den paar von der Decke baumelnden Sandsäckchen harmonieren Musik und Choreographie wunderbar mit der Handlung, anders als sonst. Nur einmal noch, beim ersten Zoom auf Kingpin in seiner Verbrechens-Hochburg, baut sich das Gefühl auf, der Soundtrack unterstütze die Szenerie. Beim Rest von
"Daredevil" jedoch ist es genau umgekehrt: Es herrscht die Atmosphäre von musikalischem Product Placement vor, dominiert vom über die Maßen strapazierten Nu Metal und schmachtenden Balladen.
Einzige Auflockerung bei so viel Mühsal bieten da die komisch angelegten Rollen von
Jon Favreau und
Colin Farrell: Ersterer darf als Normalo-Sidekick von Matt Murdock, dem selbstlosen New Yorker Anwalt, fungieren, letzterer als verbissen-grantiger Bullseye, der trotz begrenztem irischen Fluch-Wortschatz ein sehr unterhaltsamer Gegenspieler ist. Der beste in der Besetzung ist aber
Michael Clarke Duncan als Kingpin: Mit seiner Statur wirkt er bereits übermenschlich, und trifft noch dazu die Vorstellung eines Obermotzes, wie man ihn aus Videospielen kennt, haargenau. Eigentlich muss er nur noch gelassen mit seinem Szepter da stehen und den Kopf leicht anheben, um Eindruck zu hinterlassen.
Die traurige Erkenntnis aus dem fertigen Produkt ist allerdings, dass die aufregenden Momente weit in der Minderzahl sind. Nie schafft es
"Daredevil", seine Charaktere so menschlich zu machen, dass man mit ihnen mitfühlen könnte. Aus dieser Perspektive gesehen, hätte eigentlich nur noch die Effektabteilung den Film retten können. Es wären aber wohl noch einmal 30 Millionen nötig gewesen, um wenigstens eine optisch beeindruckende Arbeit vorzulegen: Der schön umgesetzte Radarblick schafft es nämlich nur sekundenweise, von schlampig modellierten Hochhäusern und dem Leerlauf abzulenken, in dem sich die Geschichte des blinden Superhelden aufbauen soll. Zurück bleibt am Ende also nur ein programmierter Charterfolg (
Evanescence - Bring Me to Life) und die Vorahnung, dass
Daredevil trotz seines nicht gerade begeisternden Leinwanddebüts nicht das letzte Mal seinen Radarsinn benutzt hat.