Suche: Suche abschicken


Jackass
Where the fuck is MTV? Wie aus kindlicher Provokationslust ein überlanger Musikclip mit erhöhtem Brechreizfaktor entsteht.


Werbung

Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

„Don’t try this at home“. Ja, ja, wir wissen schon. Nicht nachmachen. Doch wer will das schon?
„Jackass“, das ist die Erfolgsgeschichte eines Formats, das Unwissenden wohl am besten unter der Überschrift „Zurückgebliebene Halbstarke vollführen halsbrecherische Stunts“ – wobei das Adjektiv durchaus wörtlich zu nehmen ist – zu erklären ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Johnny Knoxville und seine trotteligen, hauptsächlich aus der Skateboardszene rekrutierten Kumpels zeigen den Kids seit mittlerweile 1 ½ Jahren auf, wie man jene durch Talk- und Reality-TV Formate bis zum Erbrechen neu gesteckten Grenzen (die mittlerweile in noch abartigeren „Satire“-Shows gebetsmühlenartig wiedergekaut werden) erneut überschreitet. So gesehen sind die von Jeff Tremaine mit Unterstützung von Clipmeister Spike Jonze konzipierten Kurzepisoden perfekte Fußabstreifer für neokonservative Moralisten und Politstrategen, die nicht müde werden, generationsübergreifend seit Jahrhunderten, den Sittenverfall der „heutigen Jugend“ zu proklamieren. Aufführungsverbote und endlose Verschiebungen – alleine in Deutschland wurden die Zuschauer seit vergangenem Oktober mehrfach vertröstet – tun da ihr Übriges: "Jackass " ist (neben den Osbournes) zur Cashcow der Mutter aller Musiksender avanciert.
Doch wie so oft: Hinter den größten Skandalen steckt oft nichts als ein aufgeblasener Furz. Eben dieser, garniert mit Wettrennen im Einkaufswagen, Barfuß-Stolpern über Mausefallen und Ausdauertests von Toiletten im Einrichtungshaus sorgen weniger für Magenverstimmungen denn für Gähnanfälle. Jackass ist und bleibt nämlich ein ausgeklügeltes TV-Erzeugnis, flankiert von zielgruppenbestimmten Werbeclips und Trailern, das MTV lediglich als Appetizer für die neuesten Produkte der krisengeschüttelten und einfallslosen Musikindustrie dient. Dem entsprechend spiegeln Spielzeugautos im After, Urinschneebälle und sonstige elterlichen Angstfantasien auf der großen Leinwand - trotz nicht umzubringender Motivation aller Beteiligten (die sich mittlerweile zu einem Gutteil zum Executive Producer am Gewinn bringenden Unternehmen hoch gearbeitet haben) - vor allem eines wider: Unehrlichkeit. Wo bleibt da das MTV-Logo im oberen rechten Eck, möchte man sich fragen, wenn 90 Minuten lang auf Videocliplänge gestutzte, „real“ und „faked“ Stunts von gewieften Profis abgespult werden, während die neuesten Hits der US-Independent-Szene brav abgespielt werden? Hinter künstlichen Skandalen offenbart sich ein riesiger Marketingschmäh, dem mittlerweile sogar honorige Feuilletonisten auf den Leim gehen.
Da tut es wohl, dass Jackass seine spaßigsten Momente aus einem total antiquierten Format bezieht: Spontane Stripshows in japanischen Kaufhäusern und Überraschungsangriffe mit dem Hairshaver lassen die gute alte Versteckte Kamera wieder aufleben – und zumindest die funktioniert noch wie vor 50 Jahren.