Frankreich, 1969: FBI-Ermittler Carl Hanratty (
Tom Hanks) besucht den Mann im Gefängnis, der ihn Jahre lang auf Trab hielt: Frank W. Abagnale Jr. (
Leonardo DiCaprio), seines Zeichens vollendeter Fälscher, Scheckbetrüger, Hochstapler - und gerade Mal 21 Jahre alt.
Fünf Jahre vorher: Kurz nachdem Franks Vater (
Christopher Walken) zum Rotarier-Mitglied auf Lebenszeit ernannt wurde, werden dessen Probleme sichtbar: Die Steuerbehörde rückt ihm auf den Leib und die Bank verweigert jede Hilfe. Als auch noch die Mutter (
Nathalie Baye) fremd geht und schließlich die Scheidung bevor steht, reisst Frank Jr. aus. Die kleinen Tricksereien, die er von seinem Vater gelernt hat, reichen nicht zum Überleben, aber wie war das noch einmal mit den New York Yankees und warum die Gegner dauernd verlieren? Richtig, wegen den Nadelstreifen auf den Dressen. Wenig später hat der 16-jährige eine Co-Piloten-Uniform an...
Tritt Steven Spielberg in eine neue Schaffensphase ein? Regelmäßig, bevor der gute Mann mit einem neuen Film einen Angriff auf die Kinokassen startet, kursiert diese Frage unter Cinephilen. Sie werden sich wohl noch gedulden müssen, denn auch bei Catch Me If You Can ragt ein Individuum über seine Zeit und deren Regeln heraus - und
Spielberg studiert es. Wie schon vor fast zehn Jahren bei
"Schindlers Liste" verfilmt er Momente im Leben eines außergewöhnlichen Mannes: Obwohl die Leistungen, die
Frank Abagnale Jr. erwähnenswert machen, natürlich viel trivialer wirken, ist sein Werdegang vom Schüler zum begnadeten Hochstapler und Scheckfälscher faszinierend genug, um ihn
Spielberg auf Zelluloid bannen zu lassen.
Mit einem Ironie-Schub beginnt der Film: Ausgerechnet der Mann, der über Jahre hinweg stets jemand anders war, steht bei der Quizshow
To Tell The Truth zwischen zweien, die behaupten, dass sie er wären. Frage ist: Hätte das Panel ihm abgenommen, dass er er sei?
Spielberg beantwortet diese Frage nicht. Damit die Zuschauer weniger auf die Geschichte achten, sondern auf die Psyche des Teenagers, der da die ganze Welt narrt, stellt er das Ende an den Beginn. Das ändert natürlich die Sichtweise: Statt dem jungen Mann, der immer dreister wird und sich mit seinem Verfolger spielerisch misst, sehen wir jetzt ein Kind, das miterlebt, wie seine Familie zerbricht und der Vater ehrlich, aufrecht und überaus legal vor die Hunde geht. Es beschließt also, nicht die Maus in der Sahne zu sein, die so lange strampelt, bis sie einen Herzinfarkt bekommt, sondern sich auf der Milch der gesellschaftlichen Regeln treiben zu lassen. Dazu kommt natürlich die im Film gekonnt replizierte Ära, als die USA nach Kuba-Krise und vor Vietnam-Trauma in einem Kokon der Geborgenheit dahin schlummerten und zu einer solchen Täuschung geradezu einluden: Fliegen war glamourös, ein saftiges Steak noch keine Kalorien- und Fettfalle, und ein gut geschnittener Anzug gepaart mit einem Titel bedeutete die Welt - Willkommen in den 60ern! Mode, Farbe und natürlich auch die reihenweise verwendeten Autos lassen diese Jahre wieder erstehen. Die vermeintliche Authentizität geht aber viel tiefer, und lässt sogar FBI-Agenten ihre Waffen halten, wie man es aus zeitgenössischen Filmen wie
Kubricks The Killing kennt.
Daran, wo
Spielberg verstärkt Details einsetzt, lässt sich sein Interesse ablesen: Wenn Agent Hanratty die Post des Vaters ausspioniert, um auf Franks Fährte zu kommen, liegen da nicht nur bedeutungslose Briefe, sondern auch eine letzte Mahnung - ein weiteres Zeichen für den sozialen Abstieg von Abagnale Sr., das sich erhaschen lässt. Und dann wären da natürlich die beiden Redenswendungen, die durch den Film widerhallen: Das Gleichnis der zwei Mäuse in der Sahne und die Geschichte über die Anziehungskraft, die die Nadelstreifen auf den Dressen der New York Yankees ausüben.
Spielberg benutzt sie, wie sein Soundtrack-Partner
John Williams Themen wieder und wieder einsetzt. Der hält sich übrigens diesmal weitgehend zurück und überlässt
Frankie Boy und anderen damaligen Pop-Größen das Feld.
Ein reines
caper movie ist
"Catch Me If You Can" nicht; dafür liegt der Akzent viel zu sehr auf der belastenden Wieso?-Frage. Das hält den Film trotzdem nicht davon ab, in allen Situationen amüsant werden zu können; Die Episode mit Alias-Star
Jennifer Garner, die als Edel-Käufliche posiert, ist Beweis genug dafür. Garner bietet nur eine in einer ganzen Reihe von hochklassigen Vorstellungen, die aber alle - auch zeitbedingt - unter gewissen Eindimensionalitäten leiden. Nur
Leonardo DiCaprio darf sich austoben und facettenreich - vor allem aber wie ein für den Zuschauer offenes Buch - agieren.
Um seine psychologische Analyse zu beenden und auch dem letzten Ungläubigen seine Meinung klar zu machen, zerstört
Spielberg schließlich auch den letzten Rest vom Mythos des Gentleman-Verbrechers: Rebellion? Nie geplant. Dafür gehen die letzten zwanzig Minuten drauf, die den Film weit über die 2-Stunden-Marke drücken und dafür sorgen, dass
Spielberg seit
"Hook" nur noch überlang gearbeitet hat. Auch dann, wenn die Bilder endlich schweigen, bedarf es noch einiger Texteinblendungen, um die Geschichte zu einem für den Regisseur runden Ende zu bringen - ein rundes zwar, aber kein spitzbübisches, wie es vielleicht angemessen gewesen wäre. Trotz des Ballasts, den der Film mit sich trägt, stimmt die Atmosphäre. Bedeutungsvolles ist dabei, Pathos jedoch weniger als sonst. So erweist sich
"Catch Me If You Can" auch als sehr verträgliche Kost, was vor allem auf die Grundlage zurückzuführen ist: Die besten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben.