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Blue Moon
Das Spielfilmdebüt Andrea Maria Dusls verirrt sich trotz guter Absichten in einem undurchsichtigen Sammelsurium der Genres.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

Der Weg von Großenzersdorf in die Ukraine ist lange, und Johnny Pichler (Josef Hader) hat ihn keineswegs freiwillig zurückgelegt. Als Heimatloser im eigenen Land bietet sich das Schiefgehen eines Coups als günstige Gelegenheit an: Die blonde Shirley (Viktoria Malektorowitsch), die ihn im Auto mitnimmt und kurze Zeit auf einer ungewissen Reise begleitet, wird ihm zum amourösen Verhängnis. Auf der Suche nach der Verschwundenen kreuzt der deutsche Fabrikant Springer (Detlev Buck) Pichlers Wege, bis der Gestrandete in Shirleys Zwillingsschwester Jana ein Dèja vu erlebt.

Kritik
Zu Beginn eine Kameratotale: Eine blonde Frau stöckelt eine lange Treppe hinunter. Sie hat es eilig.

Andrea Dusls erster Spielfilm wird auch gegen Ende der 90-minütigen Odyssee seines Antihelden mit dieser Einstellung enden. Was als filmtechnisches Konstrukt hier dramaturgisch die Story unterstützen soll, erweist sich als symptomatisches Bild eines unfertigen Werks.
Das erste Aufflackern einer Zuneigung zwischen einem, der nicht gelernt hat, zu lieben, und einer, die nicht lieben will, zwischen Pichler und der mysteriösen Shirley – von Viktoria Malektorowitsch hoffnungslos desolat verkörpert –, führt geradewegs durch die Slowakei – hinweg über gescheiterte Verkaufsgespräche bis zu slowakischen Mentalitätsimpressionen –, schließlich zu einem Stopp-Schild, das die Unmöglichkeit dieser Romanze bedeutet. Ein intimer Moment des Gesprächs zwischen zwei Einsamen im Motel fixiert einen frühzeitigen Höhepunkt. Shirley verlässt Pichler: aus Angst vor einer Bindung.

Später sind vieles Einbahnstraßen, die Dusl in ihrer als Raodmovie getarnten Liebes- und Mentalitätsgeschichte befährt: Beim Zusammentreffen mit der Nervensäge Ignaz Springer, einem (Vorsicht: Humor!) in Kiew tätigen Schuhfabrikanten, werden deutsch-österreichische Gehässigkeiten ausgebadet. Vermischt mit postkommunistischen Kalauern geriert sich Blue Moon sogar als holpriges Lustspiel, um gleich danach eine Ode an die rot gefärbte Seele anzustimmen. Inmitten plattenbaubedingter Kälte und ukrainischen Weltschmerzes findet der Film im trostlosen Lviv doch noch Halt: Pichler verliebt sich in die Taxifahrerin Jana, die Zwillingsschwester der verschwundenen Shirley. In Wahrheit, ähnlich wie bei Lynch, eine halluzinatorische Verdoppelung ein- und derselben Person.
Anhand osteuropäischer Lebensmuster zeigt Dusl hier die Ausweglosigkeit in Pichlers Seele. Einer, der nicht weiß, wo er hingehört, schwankt zwischen phyischer wie psychischer Sesshaftigkeit und Fluchtverhalten. Doch auch hier ist ihm das Liebesglück nicht hold. Wie teilnahmslos verirrt sich Jana in wehmütige Erinnerungen – ihre Schwester ist mitsamt Familie bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen – , die sie noch in der Heimat festhalten. Und berufliche Verpflichtungen, die sie nach Kiew führen, enden in der Entfremdung der beiden.

Erst die Hafenstadt Odessa soll die beiden wieder zusammen bringen: Dazwischen liegt eine turbulent-chaotische Begegnung mit Springer, krampfhafte Mumifizierung osteuropäischer Politrelikte und Ausschnitte aus der Vogelperspektive, die lediglich lose Puzzlesteinchen in einer Konfrontation mit dem anderen Nachbarn zu vermitteln vermag.

Pichler sagt verträumt zu Beginn: „We all come from something like that.“ Andererseits: Mehr Konturen hätten auch den Blue Moon am Himmel stärker leuchten lassen.