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Bowling for Columbine
Die US-Amerikaner und ihre besondere Beziehung zu den Waffen: Michael Moores tragikomische Dokumentation bewegt und erregt.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

Am 20. April 1999, eine Stunde, nachdem der Kosovo das schwerste Bombardement des damaligen Krieges erlebte, richteten zwei Schüler in der Columbine High School in Littleton ein Blutbad an. Wenige Stunden zuvor waren die Täter um sechs Uhr morgens zum Bowling gegangen.

Aufsehen erregte ein Todesfall, bei dem zwei Jäger ihren Jagdhund passend kostümiert und mit einer Flinte bewaffnet hatten. Während sie das Tier filmten, löste sich ein Schuss aus dem Gewehr - Der Hund kam ungeschoren davon.

There´s wackos out there, sagt James Nichols, Bruder des Mannes, der die Bombe für Oklahoma City baute. Seine 44er liegt immer geladen unter dem Kopfpolster, und das ist nicht nur ein Gerücht.

Kritik
Dienstag, 22. Oktober: Ein Amokschütze, in medialem Nervenflattern der „Sniper“ getauft, hält die USA in Atem. „Ein Mexikaner und ein Guatemalteke waren offenbar "im falschen Auto zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen.“ (Der Standard, 22.10.2002). Die Medien sind vor Ort.

Die Zeit heilt nicht jede Wunde: Vor gut einem Jahr schloss Michael Moore seine Dreharbeiten zu "Bowling for Columbine" ab, wohlwissend, mit dieser Arbeit jene symptomatischen Karzinome seines Landes nicht auf den Moment zu projizieren, sondern ein Mentalitätsabbild der US-amerikanischen Psyche zu schaffen. Nach den sozialen Underdogs von The Big One greift Moore zum Schießbolzen: die Waffe als tödliche Götze der Amerikaner, Symbol der Angst vor dem Fremden und Unerwarteten.
Auch Moore ist „stolzer“ Besitzer eines Ausweises der NRA, der Waffenlobby und strenger Hüterin desjenigen Artikels der amerikanischen Verfassung, der jedem Bürger das Recht zugesteht, sich mit Hilfe einer Waffe zu verteidigen; übrigens jener NRA, deren Vorsitzender Charlton Heston nach dem titelgebenden Massaker an der Columbine Schule einen Tag später seine Jünger zusammenrief, um vor trauernden Eltern auf die Notwendigkeit eines geladenen Gewehrs hinzuweisen. Der Grandseigneur ist Ausgangspunkt und Zielort zugleich bei diesem Trip durch ein Land der multiplen Phobien.
Die Suche nach den Ursachen beginnt in der Heimat des Regisseurs. Antworten gibt es wenige, Einsichten schon eher: Etwa, dass Kalender mit waffendekorierten Pinups zur Standardausstattung eines ordentlichen Schießclubs gehören, dass selbstgemachtes Napalm kein Patent voraussetzt oder das Örtchen Virginia in Utah jeden Bürger zum Waffenbesitz verpflichtet. Die größte US-Waffenfabrik, wichtigster Arbeitgeber der Region, befindet sich nicht von ungefähr in Littleton, dort wo eine der größten Amokläufe der Geschichte stattgefunden haben. Betretenes Schweigen nach der Konfrontation mit nackten Zahlen: 11.127 Morde in den USA, ein paar 100 in Kanada. Warum? Keine Antwort. Dazwischen die Medien als Multiplikator der Angst: Die Realityshow „Cops“, die Gangsterjagden live in die Wohnzimmer der Bevölkerung trägt, liefert zusätzliche Munition gegen Schuldige, die blitzschnell aus dem Halfter gezogen werden: Afro-Amerikaner, unangepasste Rockstars und das Ausland.

Mag sein, dass Bowling for Columbine konzeptionelle Schwächen hat – zerhackte Schnitte, Realfilm gefolgt von einem Sammelsurium politischer Ereignisse – letztlich fügt sich hier jedoch alles ins Bild. Mag auch sein, dass Bescheidenheit eine Zier ist: Moore ist unbestrittenermaßen ein Meister der Selbstdarstellung (wie schon in The Big One eindrucksvoll unter Beweis gestellt) – kaum eine Einstellung, wo er nicht im Bild ist, und wenn einmal der burgergestählte Bauch unter der Blue Jean nicht hervorblitzt, dann wird meistens eingespieltes Fremdmaterial vorgeschoben. Die diametrale Orientierung zu den gängigen europäischen und asiatischen Dokumentarfilmern, deren Arbeitsweise in der Regel nüchterner und objektiver ist, vermag sich zwar am Mainstream anzuschmiegen – Bowling for Columbine ist eine der wenigen Dokumentationen, die auch im Kino genügend Publikumspotential besitzen - Moores Unerschrockenheit und bisweilen berechnende Frechheit bei Interviews, seine oftmals vom TV abgeschaute hektische und als Persiflage eingesetzte Handkamera strafen Kritiker jedoch Lügen. Denn der nahe liegende Vorwurf des latenten Opportunismus muss bei so viel Originalität und Mutterwitz letzt endlich ins Leere gehen. Gewiss, Moores Sympathiewimpel sind klar abgesteckt – seine naiv-argwöhnische Fragestellung, mit der er Waffenproduzenten, Wissenschaftler und letztlich Charlton Heston ins Netz gehen und sich (verbal wie ideologisch) entbößen lässt – Heston: „Wir üben die Rechte aus, die die guten alten Weißen geschaffen haben“ –, determiniert sein (politisches) Statement. Aber gerade das ist es, was Moore in der heutigen Monokultur Hollywoods so einzigartig macht: Ein Filmemacher nimmt nicht da bloß Stellung, sondern demonstriert Haltung.

Haltung, die zum Lachen nötigt, zum Denken anregt und unbequem ist. So wie Marilyn Manson, eines von vielen schwarzen Schafen, die das „Establishment der Angst“ der wartenden Masse auf dem Tablett serviert. Der Amokschütze von Littleton habe sich schließlich vor dem Mord noch eine CD des enfant terrible der Rockszene reingezogen. Nach einem Gig konfrontiert ihn Moore mit den einschlägigen Vorwürfen. Selten hat jemand das Wechselspiel Politik/Medien – Bürger so auf den Punkt gebracht wie Manson: „This is all a campaign of fear and consumption“.
Und warum nicht Bowling?, fragt Moore. Schließlich ging Eric Harris, einer der Mörder, auch gern in die Bowlinghalle.