Suche: Suche abschicken


From Hell
Ansehnliche Jack-The-Ripper-Variante mit Johnny Depp: Ein sympathischer, slicker Horror-Thriller nach einem unendlich überlegenen Comic.


Werbung

Eine Kritik von Christoph Huber

London, 1888: Im Slumgebiet Whitechapel geht unter den Prostituierten die Angst um. Auch Mary Kelly (Heather Graham) ist verunsichert: Die Entführung ihrer Freundin Anne (Katrin Cartlidge) hat sie auf die Spur einer gigantischen Verschwörung gebracht – und unmittelbar darauf beginnt die außergewöhnlich blutige Mordserie an Frauen ihres Gewerbes, für die der bis heute unbekannte Jack The Ripper zeichnet. Mary hat Angst, zuviel zu wissen, und ebenfalls auf der Abschussliste des Mörders zu stehen. Hoffnung schöpft sie nur angesichts von Inspektor Abberline (Johnny Depp), der mit der Untersuchung des Falls beauftragt ist, jedoch seine eigenen Dämonen mit sich herumschleppt. Bald werden seine unkonventionellen Ermittlungen von höchster Stelle behindert: Eine Gruppe von Freimaurern, der auch der Leibarzt der Königin, Sir William Gull (Ian Holm) angehört, scheint eigenes im Schilde zu führen. Die Zeit läuft ab: Wird Abberline Mary vor der Hand des unsichtbaren Vollstreckers schützen können?

Kritik
”One Day man will look back and say I gave birth to the 20th century” - Jack the Ripper
Recht eindrucksvoll prangt dieses Zitat zu Beginn von From Hell auf der Leinwand – und weckt kurz Hoffnung unter denen, die mit Alan Moores gigantischer gleichnamiger graphic novel vertraut sind. Was Moore dort, in einem der besten Bücher der vergangenen Dekade, gelang - die Verbindung aus kriminalistischer Feinarbeit, sozialer/philosophischer Reflexion einer ganzen Epoche, ironisch-faszinierter Behandlung der Jack-The-Ripper-Verschwörungstheorien in erschöpfendem Ausmaß und vor allem: Aufbau einer düsteren Atmosphäre, deren in Blut geschriebene Höhepunkte dem obigen Zitat wahre Resonanz gaben – ist aber die Sache des Films nicht. Einfach gesagt: hat man sich erst einmal damit abgefunden, dass From Hell für Kenner des Comics eine persönliche Beleidigung darstellt, kann man sich gut mit dem amüsieren, was er ist – ein nett gestrickter, ein wenig durchschaubarer whodunit, visuell überzeugend inszeniert, gut gespielt und auf oberflächliche Horrorkrimi-Eleganz ausgerichtet. In anderen Worten: Ein durchaus zu würdigender Versuch einer Modernisierung der Hammer-Studio-Reißer, dabei nicht ganz so überzeugend wie Tim Burtons wesentlich eigensinnigerer "Sleepy Hollow".
Das recht finstere London zu Ende des vergangenen Jahrhunderts entpuppt sich dann als malerisches Ambiente aus Sonnenuntergängen, düsteren Kellerlöchern (in die die Kamera gerne hinabtaucht) und vielen stimmungsvollen gotischen Elementen: Wasserspeier, glitzerndes Chirurgenbesteck und Opiumhöhlen, in deren Hintergrund hübsche, nackte Frauen drapiert sind. Mehr Bild als Belang also, aber schön anzusehen: Depps Inspektor Abberline, der sich gleich Robert de Niro in "Es war einmal in Amerika" des öfteren in dieser Sorte Sündenpfuhl einraucht, wirkt dabei allerdings weniger wie ein von Dämonen gehetzter Mann als eine britische Variante seine Raoul Duke in "Fear and Loathing in Las Vegas" - ein Hunter S. Thompson mit Cockney-Akzent.
Viele moderne Assoziationen stehen also der ohnehin in fetziger state-of-the-art-Ästhetik abgewickelten Historiengeschichte im Weg, was aber vermutlich ohnehin Ziel des Unternehmens war: Warum sonst hätte man die vor allem für ihre Ghetto-Granaten bekannten Hughes-Brüder herbeizitiert, um sich in ein spätromatisches Schauerstück zu stürzen? Deren Regie ist nie weniger als souverän, aber nur gelegentlich inspiriert (ein Mord präsentiert sich in körniger Ästhetik als avanciertes Amateur-Home-Movie, ein anderer als Testlauf filmischen Vokabulars: Dem Schnitt durch die Kehle folgt ein Schnitt auf die Pfütze). Immerhin geht alles so geschwind voran, dass die zittrige Inklusion von Material aus dem Buch, das hier etwas unsicher in nicht weiter verfolgte Seitenfäden führt (Zwei Beispiele, die im Comic komplex eingeflochten sind: der Elefantenmensch wird hier nur kurz vorgeführt, die Freimaurer bleiben eben nur „die Freimaurer“, falls Sie – als Kenner zahlreicher mindermotivierter Verschwörungsszenarien aus Film, Funk und Fernsehen – wissen, was ich meine), nie unangenehm aufstößt.
Eher schon hätte man sich eine Vertiefung der Charaktere gewünscht – Depp, Graham, Holm sieht man gern dabei zu, wie sie ihre Genrecharaktere mit kleinen Idiosynkrasien beleben, die gewünschte überwältigende emotionale Greifbarkeit ihrer Triebe stellt sich aber nie so recht ein. Die feinste Darstellung im Film gehört Robbie Coltrane als Abberlines Unterling: Seine Figur hat die ganze Tiefe einer professionell gehandhabten zweiten Geige – der massige Komiker besitzt tragikomische Größe als Pragmatiker, der sich vor der degenerierten Welt in fülliger Zurückgezogenheit versteckt, und sich im rechten Moment auch mit einem scharfen one-liner zu verteidigen weiß. Wie im schönsten Satz des Films: „´I must be cruel to be kind´, the poet said.“
Die Erforschung dieses Zusammenhangs – zwischen Grausamkeit und Zärtlichkeit, zwischen die Gesellschaftsregeln brechender Vision und Aufrechterhaltung der Ordnung, zwischen der Poesie des Tötens und ihrer prosaischen Unverteidigbarkeit, kommt in From Hell, dem Film, allerdings nie zu tragen. Man hat sich hier nur des (übrigens recht schlüssigen) Modells von Moore bedient, um die Geschichte von Jack The Ripper als Krimi aufzurollen. (Moore hingegen setzt in seinem ehrfurchtgebietenden Fußnotenapparat auseinander, warum er diese Wahl getroffen hat, präsentiert die Alternativen und wahrt zu allen Möglichkeiten liebevolle Distanz.) Funktioniert das, um Spannung zu erzeugen? Das kann ich nicht sagen, zumal mir die „Auflösung“ durch die Vorlage schon bekannt war, und dort die Identität des Mörders von Anbeginn an klar ist – Moore generiert die kathartische Ekstase seiner Erzählung mit wesentlich vielschichtigeren Methoden. Die flotten Schnittmuster und die mit Hingabe gestaltete Periode haben mich allerdings, von ein paar kleinen Ausrutschern (ein schwer unglaubwürdiges Einbruchsszenario und leider auch der etwas pathetische Schluss) abgesehen, zweit Sunden recht gut unterhalten. Vielleicht ist das Krimi-Element also gar nicht so wichtig: Letztendlich ist es, wie auch der ganze Stil des Films, clevere Spekulation.

Fazit: Visuell prächtig in Szene gesetzte B-Horror-Qualitätsware, die durchaus zu gefallen vermag. A propos Gefallen: Wer sich selbst einen tun will, sollte anschließend die überwältigende Vorlage lesen.