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Confessions of an Opium Eater
Vincent Price irrt durch ein halluzinatorisches Chinatown: ein rares Meisterwerk von Albert Zugsmith.


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Eine Kritik von Christoph Huber

Visuelles Delir: ein Schiff im Nebel, Frauenhandel, nach der Landung ein Kampf um die menschliche Beute. Und dann: Vincent Price irrt auf den Spuren des Sklavenkartells durch ein unwirkliches Studiodekor, das sich notdürftig als die im Opiumrausch halluzinierte Version eines fiktiven Chinatown verkleidet. Eine ewige Jagd durch eine Serie sich immer wieder neu öffnender Chinese Boxes: Falltüren, Fluchtwege, Korridore überall, ein hastendes Voranschreiten durch eine sich ununterbrochen wandelnde Traumlogik. Worte können der genuin andersartigen Erfahrung beim Sehen dieses Films kaum noch genüge tun: Albert Zugsmith, ansonsten vor allem als Produzent (etwa von "Touch Of Evil ") bekannt, hat in den 60ern eine Reihe von (im Hinblick aufs junge Publikum) mit Sex und Drogen lockenden B-Pictures inszeniert, das hier ist sein (eventuell versehentlich entstandenes) Meisterwerk, einer der ganz großen Filme Hollywoods.
Mit dem titelgebenden Buch von Thomas De Quincey hat das übrigens nichts zu tun (außer, dass der Name für die Figur von Price gekapert wurde), statt dessen zeigt man sich des Alternativtitels Souls for Sale würdig, indem man entlang purer Assoziationsketten ein undurchdringliches Netz spinnt, das den staunenden Zuseher ständig an der eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt. Kann eine Welt, die sich zu gleichen Teilen aus Zwergen und Chinesen zusammensetzt, eine Welt, in der eine seltsame, aus Glückskeksweisheiten und konfuzianischem Kauderwelsch zusammengesetzte Sprache gesprochen wird, eine Welt, in der Tomahawks aus dem Nichts fliegen (in Chinatown!), eine Welt, in der plötzlich der Ton versagt und eine zehnminütige Zeitlupenflucht über Hausdächer stattfindet, eine Welt, die vielleicht nur der (Opium-)Traum innerhalb eines anderen Traums ist, in der der Anfang das Ende ist, kann so eine Welt – auch nur auf Zelluloid - existieren? Eugene Louirés diagonalenberauschte Ausstattung, die alptraumintensive Atmosphäre, die die Kamera von Joseph Biroc hervorbringt, die irrlichternde Inszenierung von Zugsmith, die abwechselnd einem Baudelaire-Gedicht und dem japanischen Geisterfilm zu huldigen scheint, sie sagen: Ja, es muss sie geben, diese schreckliche, wunderschöne Welt, wo die Grenzen des menschlichen Geists aufhören, Dienst zu tun. Mehr noch als für Shock Corridor von Sam Fuller möchte man für dieses Wunder eine neue Genrebezeichnung erfinden: Cinema asylum.