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Harry Potter und der Stein der Weisen
Kinderspielzeug ohne Herz oder Der Film zum T-Shirt: Chris Columbus zaubert bei der Umsetzung von J. K. Rowlings Bestseller ein glanzloses, überdimensionales Kaubonbon aus dem Hut, das 150 Minuten lang nie so recht schmecken will.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

Harry Potter (Daniel Radcliffe), elfjähriger Waise, lebt und leidet bei Tante Petunia (Fiona Shaw) und Onkel Vernon (Richard Griffiths), die das schüchterne Mauerblümchen von früh bis spät tyrannisieren, während deren fettleibiger Sohn Dudley (Harry Melling) jeden Wunsch erfüllt bekommt. Eines Tages erhält Harry eine Einladung von der Zaubererschule Hogwarts, wo er seine Lehrjahre verbringen soll. Vom Londoner Bahnhof King´s Cross geht die Reise ins Ungewisse los.
In Hogwarts stellt sich heraus, dass Harry eine kleine Berühmtheit ist: Er war als Baby der einzige, der dem bösen Zauberer Voldemort (Richard Bremmer) nicht zum Opfer gefallen war, während seine Eltern von diesem getötet wurden. Als Erinnerung an den Kampf ist dem kleinen Potter eine zick-zack-förmige Narbe geblieben.
Der Schulalltag beginnt, und Harry befindet sich alsbald unter lauter mehr oder weniger ehrgeizigen Jung-Magieren. Im tollpatschigen Ron Weasley (Rupert Grint) und in der rechthaberischen Hermione Granger (Emma Watson) findet er zwei Weggefährten, die mit ihm auf ein seltsames Geheimnis stoßen: Im Schloss wird an einem geheimen Ort – von einem dreiköpfigen Hund bewacht – der legendäre Stein der Weisen aufbewahrt, der demjenigen, der in an sich nimmt, Unsterblichkeit verheißt. Doch die drei sind nicht die einzigen, die hinter dem Schatz her sind. Auch der obskure Professor Severus Snape (Alan Rickman) scheint sich für das wertvolle Mineral zu interessieren.

Kritik
Stellen wir uns in kindlicher Fantasie – eine solche benötigt man schließlich den ganzen Film lang – vor, sämtliches Merchandising und Marketing im Vorfeld dieses gehypten Leinwandzaubers wäre niemals da gewesen. Einfach weggezaubert.

Dann sollte hier – wie von Regisseur und vor allem der Autorin intendiert – eine möglichst werkgetreue Umsetzung eines an den wirtschaftlichen Erfolg einer “Pippi Langstrumpf” erinnernden Kinderbuchklassikers das Resultat sein. Doch die bittere Wahrheit lautet: Der Kontrast zur vorlauten, gegen erwachsene Konventionen rebellierenden Schwedin könnte gar nicht prekärer ausfallen. Da wie dort ging es um die Errichtung kindlicher Fantasien und Wunderwelten – wenn man so will, ein Schlaraffenland im Kopf. Wo bei Pippi klugerweise das TV-Kleinformat gewählt wurde, entschied man sich bei Potter jedoch für die Breitwand.

Folglich liegt bereits in der visuellen Umsetzung der erste Hund begraben: Was mit der exakten Anlehnung an Rowlings von Details und Nebensächlichkeiten nur so wimmelndem Roman entschuldigt wird, entpuppt sich als verkrampfte Verlangsamung einer ohnehin schon an Höhepunkten armen Geschichte. Da wird jeder Winkel von der Kamera aufgesogen, bis das Objektiv nichts mehr zu finden scheint und endlich die Schere vor dem Einschlummern rettet. Von der Vorgeschichte – Potters Verwandte entwickeln nie die exaltiert grimassierte Boshaftigkeit früherer Disney-Bösewichter (siehe etwa Elliott, das Schmunzelmonster) – über das überzogene Quidditch-Spiel, dessen einziger Telos nur in der Beweisführung von Potters Auserwähltheit zu liegen scheint – bis hin zum vollends verkorksten Finish, das angesichts der von den Toten auferstandenen Eltern im Sumpf von spielbergschem Fantasygesülze zu ertrinken droht -, alles wird ausgewalzt wie ein überdimensionaler Strudelteig. Dass hier filmische Grundgesetze des Tempos völlig vernachlässigt werden, scheint Columbus, dem schon in seinen früheren Komödien "Mrs. Doubtfire" oder Neun Monate der Tritt auf die Bremse immer näher lag als das kluge Hantieren mit Szenenabfolgen, kaum zu stören. Denn dort, wo Spannung durch Skript und Technik unterdrückt wird, setzt Zeremonienmeister John Williams im Minimal-Nuancierungs-Stil ohnehin einen Fortissimo-Akkord drauf.

Das alles wäre unter Wahrung literarischer Identität noch akzeptabel, beschränkte sich Columbus nicht auf das monotone Zitieren seiner Blockbuster-Ideale, die er kaltschnäuzig mit einer Flut trockener Tricks aus der Effektekiste zu verbergen sucht. Nichts da: Indiana Jones haben wir schon zynischer gesehen und die von Mystiszismus getränkte "Krieg der Sterne"-Heroisierung eines Erlösers, der über die Menschen kommen möge, zerbricht bereits am mangelnden Charisma Daniel Radcliffes, der im weiteren Verlauf nie eine Alternative zur vertrauenswürdigen und mitleidserregendem Gesichtsmaske, die er zu Beginn aufsetzt, findet.

Auch wenn Columbus immer auf der Suche nach Äquivalenz zu sein scheint, manche Szenen wirken wie ein Fremdkörper im eigenen Film. Am deutlichsten tritt dies bei der Gegenüberstellung der ersten Unterrichtsstunden zur inneren Tragödie Potters zu Tage. Letztere wird schlussendlich so verwaschen, dass das 08/15-Grundthema des Buches “Freundschaft überwindet alle Hindernisse” keinen Moment glaubhaft transportiert werden kann und im exaltierten Gehabe eitler Jungdarsteller untergeht. Wo ein Funke von Spannung aufkeimen könnte, etwa bei der Begegnung mit einem riesigen Troll, scheitert jegliche innere Anteilnahme mit dem Geschehen an vorhersehbaren Schablonen und eintönigen Charakteren, denen jeweils nur ein Eigenschaftskärtchen umgehängt wird, das sie 150 Minuten lang um den Hals baumeln haben.

Zu allem Überfluss zwingt der Regisseur dort, wo man britischem Sense of Humour – ja, auch der kommt ansatzweise bei Rowling vor – seinen Platz hätte gewähren können (symptomatisch: Selbst Paradekomiker John Cleese hat mal gerade 20 Sekunden Zeit, um sich ins Bild zu drängen), seinen Darstellern bierernste Mienen auf, die der ohnehin schon bizarr neokonservativen Stimmung das Prädikat “geisttötend” aufdrucken. Sogar die bei der Autorin fröhlich hinausposaunte Moral von Zusammenhalt und Einheit – Hogwarts ist in Wahrheit nur die blumige Metapher für ein Internat, das die dortigen Schüler auf rechte Pfade führen soll – verkommt im Film zum Nebensatz. Dafür sorgen nicht zuletzt die Seelenlosigkeit und Arroganz, die den hölzern wirkenden Figuren eingeimpft wurde. Und wenn mal der Lichtschein einer interessanten schauspielerischen Erscheinung die sakrale Architektur der Schlosskulisse durchflutet, wie bei Richard Harris zumindest ansatzweise der Fall, dann wird jegliche tiefere Durchdringung in Pyrotechnik aufgelöst.

Wie sagt Cousin Dudley so treffend: “36 Geschenke! Letztes Jahr hatte ich eins mehr.” Bescheidenheit war auch bei dieser misslungenen Umsetzung mehr Zier denn notwendiges Stilmittel zur Vermarktung seines Devotionalienpaketes. Womit wir doch wieder bei der Marketingkampagne wären.

Fazit: Wer´s jedem recht machen will, macht´s schlussendlich keinem recht.