Vor 7000 Jahren, im mythischen Kontinent Mittelerde: Mächtige Zauberringe sind geschmiedet und an die jeweiligen Völker verteilt worden. 3 für die Elben, 7 für die Zwerge, 9 für die Menschen. Den Meisterring, der alle beherrscht, besitzt Sauron, der böse Herr von Mordor. Als er ihm bei einer Schlacht verloren geht, landet er auf Umwegen beim Hobbitt Bilbo (
Ian Holm). 60 Jahre später: Zauberer Gandalf (
Ian McKellen) taucht zu Bilbos Abschiedsfeier in dessen friedlichem Städtchen im Auenland auf: Er erkennt, dass sein Freund von der Macht des Ringes angezogen ist (wie ein eigenständiges Wesen versucht der Böse Ring, seinen Benutzer in den Bann zu schlagen). Es gelingt ihm, Bilbo zur Einsicht zu bringen und den Ring zurückzulassen – er wird an seinen Neffen Frodo (
Elijah Wood) weitergereicht, der noch nicht ahnt, was ihm blüht. Denn die schwarzen Reiter, ehemals große Könige, die von der dunklen Macht Mordors korrumpiert wurden und Zwitterwesen zwischen der ”wirklichen” Welt und dem Geisterreich sind, haben sich schon auf die Suche nach dem wiederaufgetauchten Meisterring gemacht.
Verfolgt von den unheimlichen Wesen, macht sich Frodo mit seinem treuen Diener Sam (
Sean Astin) auf, den Ring ins vermeintlich sichere Elbenreich zu transportieren. Gandalf will inzwischen Hilfe vom Zauberer Saruman (
Christopher Lee) holen: Doch der ist zur dunklen Seite der Macht übergelaufen. Während Gandalf in einem Turm gefangengehalten wird, beginnt für Frodo eine abenteuerliche Reise, die ungeahnte Freundschaften und Gefahren bringen wird...
"Und wie war er?", fragte ein wissbegieriger Freund nach der Pressevorführung von
Der Herr der Ringe: Die Gefährten. Ich zuckte die Achseln: "Dasselbe wie beim letzten
Burton." "Also für Hollywood gut aber für einen
Peter Jackson-Film schwach?" "Genau." So einfach ist das natürlich nicht: Auch wenn sich
Der Herr der Ringe: Die Gefährten schon alleine deswegen, weil er einem dann doch drei Stunden mildes Interesse entlockt, unter die wenigen Blockbuster dieses Jahres einreiht, die einem keine Magengeschwüre bereiten (nach Burtons
Planet der Affen noch
"A.I. Artificial Intelligence" - den eigentlich besten Blockbuster des Jahres,
"3000 Miles to Graceland" hat man ja bei uns nicht herausgebracht, weil er in Amerika ein Flop war), macht sich zuerst einmal das Missverhältnis breit: War das wirklich der lang erwartete Sensationsfilm? Peter Jackson, der neuseeländische Splatterkönig, hat mit wesentlich kleineren Budgets da schon mehr Vision gezeigt (immerhin, könnte man einwenden, ist er wenigstens keine Regie-Nuss wie
George Lucas, bei dessen
"Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung" die Omnipräsenz genau umgekehrt zur filmischen Leistung war) – selbst bei seinem letzten Hollywood-Ausflug,
"The Frighteners" hat er schließlich einen
Zemeckis-Film wieder mit der anarchischen Energie versehen, die diesem als Regisseur seit
Falsches Spiel mit Roger Rabbitt eindeutig abgeht. Vielleicht darf man Jacksons
Herr der Ringe-Projekt nur als Kompromissprodukt betrachten: Schließlich geht es hier auch darum, die Balance zu wahren und die Fans der Bücher nicht vor den Kopf zu stoßen (ein Lied davon kann
Ralph Bakshi singen, dessen 70er-Zeichentrickvariante
"Der Herr der Ringe" wenigstens nicht ganz uninteressant gescheitert war). Andererseits werden auch Millionen, die die Bücher nicht kennen, in den Film strömen. Tut mir also leid, liebe Tolkien-Exegeten, ich oute mich hiermit als unterqualifiziert: Nachdem ich die Bücher seit gut 15 Jahren nicht mehr zur Hand genommen habe, stelle ich fest, dass Jacksons Verfilmung zumindest meiner dunklen Erinnerung ans erste Buch der Trilogie als einigermaßen werkgetreu genügt. Im folgenden wird es nur mehr um den Film an sich gehen.
Den Anfang, das kann man getrost sagen, hat Jackson gut hingekriegt: In einer kurzen
voice over-Einführung werden die Hintergründe zu den Ringen erklärt, was direkt in die erste Schlacht gegen Sauron übergeht. Das Ganze ist deutlich als CGI-Effekt zu erkennen (im späteren Verlauf des Films – da kommt Jackson, der technische Tüftler, durch – ist die Trennung von Computeranimation und echten ”Effekten” wie Prothesen etc. nicht immer einwandfrei zu vollziehen), sieht aber ziemlich gut aus: Eine Flutwelle von Menschen, denen sich das Heer der bösen Orcs gegenüberstellt. Jackson inszeniert das energetisch und beendet die Sequenz mit einem ersten Höhepunkt: Saurons Finger werden abgehackt und er geht des Rings verlustig. So weit so gut – damit sind wir nämlich an der Stelle wo die Romantrilogie ihren gemächlichen Anfang nimmt. Um nicht gleich eine Stunde nur mit Charaktervorstellung rumzubringen, setzt Jackson also einen kleinen Action-Leckerbissen vorne dran. Und ein Hauptproblem von
Die Gefährten ist, dass keiner der folgenden Höhepunkte ähnlich involvierend wirkt.
Das bringt uns zu seinen gegenteiligen Sequenzen: Diejenigen, in denen die Zauberwelt von Mittelerde mit ihren Elfen, Orcs und sprechenden Bäumen sowie die Beziehungen der Figuren untereinander ein- und ausgeführt werden. Das kann man schön in einem Wort zusammenfassen: behutsam. Jackson macht das nicht ungeschickt: Er hat neben seinen Horrorarbeit schließlich auch schon den gern (irrigerweise) als ”ernsthaften Ausrutscher“ klassifizierten
"Heavenly Creatures" vorgelegt – außerdem ist er kein Lohnknecht, der das Wort ”Inspiration” im Lexikon nachschlagen muss (was ja unlängst
Chris Columbus souverän mit
"Harry Potter und der Stein der Weisen" vorexerzierte – von den doch nicht bloß schwarzweißen Figuren in Jacksons Film kann der nur träumen, von der virtuosen Bewegungsinszenierung des Neuseeländers ganz zu schweigen). Zugleich wagt er sich aber damit auch nicht weit von der Vorlage weg: Und Tolkiens Trilogie, bei allen sonstigen Vorzügen, leidet streckenweise ganz gewaltig an Geschwindigkeitsproblemen – die übertragen sich direkt auf den Film, freilich lasten sie nie so schwer auf ihm, dass er langweilig würde. Stattdessen legt sich ein weit gespannter Bogen über das Epos, in dem die anfangs klar getrennte Welt von Gut und Böse zu verschwimmen beginnt: Ein erster Schlag ist die Feststellung, dass Saruman zum Feind gewechselt ist; aufgrund der Macht des Rings werden schließlich fast alle Charaktere, die ihm nahe kommen, potentiell verdächtig – zumindest für Frodo, der diese Anziehungskraft am stärksten zu spüren bekommt.
Trotz dieser leichten Ambiguität bleibt der Großteil der Figuren erstaunlich generisch: Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Tolkiens Bücher unzählige Nachfolger inspiriert haben und damit leichte Abnutzungserscheinungen zeigen. Im schlimmsten Fall bleiben sie persönlichkeitsarme Chiffren (
Orlando Blooms Elb,
Billy Boyd und
Dominic Mongahan als Hobbit-Begleiter, bei
Liv Tylers eher peinlichem Kitschauftritt als Elbenprinzessin in Weiß ist man recht froh, dass er so kurz ist, bei
Cate Blanchetts) Elbenkönigin ist eher das Gegenteil der Fall), die meisten verbreiten – schon etwas besser - zumindest ein wenig Ausstrahlungskraft (
Hugo Weaving als Tylers Vater,
John Rhys-Davies als Zwerg Gimli,
Viggo Mortenson als Waldläufer von edlem Geblüt,
Ian Holm würzt mithilfe der Effektabteilung seinen ein wenig farblosen Bilbo mit dem erschreckendsten Moment des Films) und zwei ragen heraus:
Ian McKellen verleiht seinem Gandalf neben Entschlossenheit auch eine gewisse Ironie, und das vielleicht beste am Film ist eine überragende Darstellung von Veteran
Christopher Lee als dessen Widersacher Saruman: Er nimmt die mit über 20 Jahren Verspätung erfolgte Chance wahr, seinem langjährigen Gegenüber
Peter Cushing (einst Gouverneur Tarkin in
"Star Wars") zu zeigen, was ein wirklicher Bösewicht ist. (Beim famosen Zauberstab-Duell mit McKellen macht er übrigens auch gute Figur.)
Was Lees Auftritt herausragend macht – das Gefühl, das sich hier ein Profi mit beiden Zahnreihen in seiner Aufgabe verbeißt -, will Jackson trotz aller spürbaren Zuneigung zum Material nur vereinzelt gelingen: Gut alle halbe Stunde gibt es einen echten Jackson-Moment (eine lange, sogartige Kamerafahrt folgt von McKellens Hand auf der Spitze des Turms dessen volle Länge hinunter zum Höhlenkomplex in der Erde, wo die von Saruman gezüchteten Menschen-Orcs ihre Waffen herstellen, eben diese reagieren auch mit Jubel auf die vielleicht Regisseur-typischste Sequenz des Films – die Ankündigung “Auf euch wartet Menschenfleisch”, die schon angesprochene Szene von Holm und gelegentlicher, natürlich blutarmer – man darf sich ja das Rating nicht versauen – Semi-Splatter; gegen Ende mogelt Jackson sogar eine Enthauptung rein), einer, der davon erzählt, wie ein Regisseur mit Sinn für Timing ökomomisch verfährt: Etwa der emblematisch wiederholte Pferdehuf in Großaufnahme, der die Bedrohung durch die schwarzen Reiter schön auf den Punkt bringt. Durchgängige Ökonomie ist natürlich schon auf Grund des epischen Formats undenkbar (zusätzliche Zooms aus ohnehin schon gigantomanischen Landschaftspanoramen heraus erzählen davon), trotzdem weisen diese Szenen auf einen anderen Mangel des Films hin: Obwohl hier detailliert gearbeitet wird, was das Erschaffen einer erfundenen Welt angeht, will sich die Körperlichkeit, das Wesentliche der Dinge, wie es Kollege Georg Wasner recht treffend benannt hat, nie so recht auf den Zuseher übertragen – es bleibt dann eben doch nur eine recht ruckelige un vor allem simulierte Hochschaubahnfahrt. (Die beste Szene des Films bringt diese Materialität so beiläufig zurück, dass es einem kalte Schauer über den Rücken jagt: Bilbo, der sich kaum vom Meisterring trennen will, lässt ihn langsam, widerwillig über seine Handfläche zu Boden gleiten: Die Reibung, das Sich-Sperren des Rings wird auf fast unwirkliche Weise spürbar – es gibt eine Art Geräusch, das gar keines ist, beim Aufkommen auf den Boden wirkt der kleine Ring dann tonnenschwer.) Gerade sein technisches Geschick läuft hier gegen Jacksons Genie, mit begrenzten Mitteln Unglaubliches zu schaffen, zuwider: Die fast protzig ausgewiesen großen Bilder, die hier entstehen, scheinen vor allem dem einen Zweck zu dienen, Eindruck zu schinden, weniger eine direkte Reaktion wie Gelächter oder Schrecken (oder wie meistens bei Jackson: beides) hervorzurufen. Das macht sie ein wenig zu Welten, die niemandem gehören (im Gegensatz zu den emotional absolut überwältigenden Phantasiegebilden von
Heavenly Creatures - die gehörten den Protagonistinnen des Films und als Zuseher fühlte man sich deswegen in ihren Bann gezogen).
Vielleicht liegt es letztendlich daran, dass
Die Gefährten zwar nie uninteressant wird, aber auch nie so recht mitzureißen vermag: Er bleibt fast überall im Konsens stecken – er ist nicht (mehr) ganz Tolkien und (noch) nicht ganz Jackson, und im Zwischenraum havariert er durch die Grauzone von leerem Spektakel und persönlichem Phantasieprodukt wie die titelgebende Gefährtenrunde durch ihre Abenteuer. (Ein Vergleich in Motiven des Films: McKellen, derjenige, dessen Charisma vor allem das Interesse am Trupp von Frodos Begleitern wach hält, als Spiegelbild Jacksons: Er wird immer wieder von seinen Gefährten getrennt und kämpft sich doch zu ihnen durch.) Noch stehen zwei Teile von Jacksons epischem Unternehmen aus, doch vorläufig muss man nur dem unfassbaren logistischen Aufwand, den der Regisseur geleistet hat, uneingeschränkt Tribut zollen: Erst die nächsten zwei Folgen werden unter Beweis stellen, ob ihm mehr gelingt, als einen perfektionistisch aufgeblasenen 50er-Abenteuerfilm mit moderner Technik zu schaffen. Immerhin lässt sich schon jetzt sagen, dass man trotz des großen Aufwands und den damit einhergehenden Kompromissen noch immer den Regisseur spottbilliger, aber genialer Kultfilme wie
"Bad Taste" und insbesondere
Meet the feebles (dem uneingeschränkt besten Puppenfilm, der je gedreht wurde) darin erkennen kann. So er seine Handschrift weiter ausbauen kann, wäre ein Wechsel von low budget zu Megasellern ja nicht zuletzt deswegen wünschenswert, weil es unter den Regisseuren von letzteren, abgesehen von
Paul Verhoeven und Burton, ohnehin niemanden gibt, der Autorenqualitäten besitzen würde. Eine letzte Bitte aber dann dennoch: Die Idee (und das einzige am Film, was rundweg schlecht ist) auf unerträglichen Enya-Folklore-Musikpapp zu setzen, sollte man sich dabei schnellstens wieder abgewöhnen.
Fazit: Technisch eindrucksvolle, dem Geist des Originals durchaus entsprechende Verfilmung vom ersten Band der berühmten Tolkien-Trilogie: Leider dadurch aber auch eine ein wenig zu glatte und emotionsarme Angelegenheit.