Suche: Suche abschicken


A.I. Artificial Intelligence
Steven Spielberg liefert einen kitschigen Film voll von jenseitigen Utopien. Einzig an eine Änderung der Manhatten-Skyline konnte er dabei nicht glauben - sonst aber fast an alles!


Werbung

Eine Kritik von David Krems

Das Roboter-Kind David sieht nicht nur erstaunlich echt aus, sondern ist auch in der Lage, zu lieben. Ihm selbst wird diese echte Liebe jedoch nicht zu Teil. Also begibt sich David auf die Suche nach der Blauen Fee, von der er glaubt, dass sie ihn in einen echten Jungen verwandeln kann - auf dass ihm echte Liebe widerfährt.

Kritik
Zuerst kommt der Vorspann und damit eine Frage: "Eine Stanley Kubrick-Produktion", steht da plötzlich auf der Leinwand!
Was nach Leichenfledderei riecht, hat damit zu tun, dass Kubrick sich angeblich seit 1982 mit dem Gedanken trug, die auf einer Short-Story von Brian Aldiss beruhende A.I.-Thematik zu verfilmen. Im Zuge derartiger Überlegungen entstandene Notizen Kubricks wurden von dessen Witwe an Mr. Spielberg weitergegeben, der diese (Notizen, nicht Witwe!) schließlich in sein Drehbuch zu A.I. integrierte. Warum aber hat Kubrick, der seine glückliche Hand – bzw. seinen glücklichen Verstand - für Science-Fiction Thematiken wiederholt unter Beweis stellte, den Stoff nicht tatsächlich selbst verfilmt? Möglicher Weise, weil er befürchtete, dass dabei so etwas wie Spielbergs neuester Film herauskommen könnte, oder einfach deshalb, weil er mit 2001- Odyssee im Weltraum bereits einen Film gedreht hatte, der die Thematik der künstlichen Intelligenz behandelt – und das zu einer Zeit, als die Diskussion um geradezu menschlich denkende Computer-Gehirne (das Wort allein nimmt sich mittlerweile anachronistisch aus) noch Sinn machte. Spielberg jedoch lässt sich von aktuellen Diskussionen zum Thema geklonter Mensch nicht beirren und beharrt mit seinem Film weiter auf der fragwürdigen Vision vom real empfindenden Roboter als Kind-Ersatz.

Nun gut! Hier ist er also: David (Haley Joel Osment), breit grinsendes bzw. betroffen blickendes Baby-Face und seit "The sixth Sense" Hollywoods Kind-Star Nummer eins. Spielberg besetzte ihn als "Mecha" (kurz für mechanisch, ergo Roboter), der - via irreversibler Programmierung - auch zu "echter" (gemeint ist "menschliche") Liebe fähig ist. Blöd für David, dass gerade als er drauf und dran ist, die Liebe seiner Eltern zu gewinnen, deren realer Sohn aus einem tiefen Koma erwacht, und sich schon kurz darauf blendender Gesundheit erfreut. Dass sich zwischen "Mecha" und "Orga" (meint organisch) schon sehr bald ein Konkurrenzkampf entwickelt, verwundert kaum. Eine Szene, in der die beiden Kinder um die Gunst eines - ebenfalls denkenden - Teddybären buhlen, kennt man bereits aus den Simpsons. Nur, dass die Situation dort - aufgrund der Entscheidung der umworbenen Maggie zugunsten des Fernsehgerätes - eine gesellschaftskritische Komponente erfuhr, die in der äquivalenten A.I. Szene ausbleibt. Da flüchtet der begehrte Teddybär (übrigens der sympathischste Charakter des gesamten Films) nämlich zur Mutter, was sich symptomatisch für die Einfallslosigkeit Spielbergs lesen lässt, der in A.I. vor keiner noch so simplen Metapher zurückschreckt.
Schließlich kommt es, wie es kommen muss: David wird von seiner Adoptiv-Mutter ausgesetzt und verirrt sich kurz darauf in einem unecht wirkenden Wald, wo er zwar nicht auf Dinosaurier, dafür aber auf den Liebes-Mecha Gigolo Joe (Jude Law) trifft. Dieser lehrt mit Sätzen wie "Wenn du einmal einen Mecha hattest, wirst du nie wieder einen echten Mann wollen" den männlichen Kinobesuchern das Fürchten und kann außerdem lustig tanzen. Eine Erklärung dafür, das Gigolo Joe und andere "Mechas" menschliche Gefühlsregungen zeigen, bleibt Spielberg jedoch schuldig.

Dafür steht der Name des Regisseurs nach wie vor stellvertretend für Family Entertainment, weshalb sich David und Joe auf eine abenteuerliche Suche nach der Blauen Fee begeben, die aus David einen "Orga" machen soll. Nach Zwischenstationen auf einer lächerlichen, ambitioniert böse inszenierten Zerstörungsorgie für eingefangene "Mechas" sowie einer an Infotainment-Shows erinnernden Fragestunde bei "Dr. Know" landen die beiden endlich im teilweise versunkenen Manhattan. An dieser Stelle holt den Film schließlich die reale Geschichte ein und verhilft den Szenen zu ungeahnter Aktualität: Man sieht eine intakte Skyline, die es - Ironie des Schicksals - schon heute nicht mehr gibt!

Spielberg schafft es, eine unbestritten interessante Thematik zu einem kitschigen 2,5 Stunden Monstrum aufzublasen, das speziell gegen Ende immer jenseitiger wird. Jede Szene - und ist sie noch so abwegig - erfährt eine Steigerung. Mit jeder Einstellung versucht sich der Film selbst zu überbieten. So lange bis man das alles weder ernst nehmen kann noch will.

Der Werbe-Slogan des Films lautet: "Seine Liebe ist echt, doch er ist es nicht."
Eine Erkenntnis über den Film muss lauten: "Die Idee ist gut, doch der Film ist es nicht."