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Hannibal
Ridley Scotts langerwartete Fortsetzung zum Schweigen der Lämmer - ein reichlich blöder, unentschlossen zwischen Ernsthaftigkeit und uneingestandener Komik schwankender, obendrein schwer unspannender Thriller.


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Eine Kritik von Christoph Huber

Zehn Jahre ist es her, dass Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) die Flucht aus dem Gefängnis gelang - dem FBI bis heute nicht gelungen, das in Europa untergetauchte, kannibalische Genie zu fassen. Und nicht nur offizielle Stellen sind auf Lecters Fersen - Mason Verger (Gary Oldman), seit seiner Begegnung mit dem Psychiater grauenvoll entstellt, setzt sein üppiges Familienvermögen ein, um persönliche Rache zu nehmen. Agentin Clarice Starling (Julianne Moore) ist inzwischen die Karriereleiter hinaufgestiegen - doch eine desaströse Festnahme macht sie zur persona non grata in der Organisation. Um sie aus dem Blickpunkt der Medien zu holen, wird sie wieder auf Lecters Fährte gesetzt - wobei der ehrgeizige Justizbeamte Paul Krendler (Ray Liotta) eher gegen sie als mit ihr zu arbeiten scheint.
Lecter ist inzwischen in Florenz am Werk, wo er den gerade durch ein mysteriöses Verschwinden freigewordenen Platz des Kurators im Palazzo Caponi bekleidet. Chefinspektor Rinaldo Pazzi (Giancarlo Giannini) lernt so den angeblichen "Dr. Fell " kennen - und beginnt alsbald zu ahnen, wer der beschlagene Kunstfreund ist. Kaum hat er Gewissheit erlangt, nimmt er Kontakt mit einer geheimnisvollen Stelle auf - satte 3 Millionen Dollar sind schließlich auf den Kopf des Kannibalen ausgesetzt Dahinter steckt natürlich Verger, der sogleich drei seiner Schergen zu Pazzis Unterstützung ausschickt - schließlich hat er schon ein besonders perfides Ende für Lecter geplant. Doch auch Starling ahnt mittlerweile, dass in Florenz nicht alles koscher ist, und versucht Pazzi im letzten Moment von seiner eigenmächtigen Handlungsweise abzubringen - aber der souveräne Lecter hält ohnehin alle Fäden in der Hand: Seine Pläne reichen weiter, zurück in die Vergangenheit...

Kritik
"Sometimes Dr. Lecter and I would talk..." - der erste Satz, noch im Off, kündigt es an: Die Erinnerung lastet schwer auf diesem Film. Kein Wunder, war doch der Vorgänger Das Schweigen der Lämmer nicht nur der dritte Film überhaupt, der die fünf wichtigsten Oscars einsackte, sondern er belebte obendrein die stagnierende Karriere von Anthony Hopkins wieder und rettete das marode Studio Orion vor dem Bankrott. Zudem war er aber - gemeinsam mit Martin Scorseses Goodfellas - eigentlich der Film, der das amerikanische Genrekino für die folgende Dekade prägen sollte (die zwei großen Hits der Mittneunziger, Sieben bzw. Pulp Fiction sind dem jeweiligen Vorbild in zahlreichen ästhetischen Entscheidungen schwer verpflichtet) - was die Messlatte für den Nachfolger mehr als hoch legt. War Jonathan Demmes hochspannender und dabei erstaunlich intellektueller Thriller nämlich einer der ersten, der ein mittlerweile längst zum Klischee geronnenes Konzept breitenwirksam ausspielte: der psychotische Serienmörder als prophetische Heilsgestalt und Ausdruck der schlimmsten Ängste unserer Gesellschaft, so führt heute jeder zweite Fernsehfilm dieses Modell auf seinem Banner. Thomas Harris, Autor der drei Bücher, in denen Dr. Lecter vorkam (das erste und beste, Red Dragon wurde 1986 von Michael Mann als Manhunter verfilmt und ging damals wegen Streitigkeiten mit dem Produzenten Dino De Laurentiis unter, hat sich aber mittlerweile verdienten Kultstatus erworben), schien das erkannt zu haben. Die lang erwartete, oft verschobene Romanfortsetzung Hannibal präsentierte sich als zynisches, überspitztes Konglomerat aus gesteigerter Gewalt und Seitenhieben auf die Vermarktung des Serienkillerphänomens: Man konnte darin die vorausgreifende Rache an Hollywood sehen, wenn man wollte - Harris, bekannt für die Unzufriedenheit, die er den Verfilmungen seiner Bücher entgegenbringt, hatte den Nerv als Schluss ein romantisches Candlelight-Dinner von Lecter und Starling zu präsentieren, in dem sie sich an den Innereien eines unliebsamen Kollegen gütlich tun.
Das wollte Hollywood dem Zuseher dann doch nicht zumuten - auch wenn Hannibal bei seinem absurden Ende mit unappetitlichen Details nicht geizt, fiel das sarkastische Ende der heimlichen Romanze von Lecter und Starling ebenso dem Drehbuchentwurf zum Opfer wie jegliche Seitenhiebe aufs Marketing und der Unterbau des Romans, in dem die Hintergründe der Psyche der beiden Protagonisten untersucht werden. Desgleichen Regisseur Demme und Lämmer-Hauptdarstellerin Jodie Foster, die (inoffiziell, natürlich) von der Gewalttätigkeit des Buchs so abgestoßen waren, dass sie eine erneute Teilnahme an der Fortsetzung absagten. Produzent De Laurentiis, der zurückkehrte (zweifelsohne vergrämt darüber, beim vorhergehenden Box-Office-Knüller ausgesetzt zu haben), blätterte allerdings nicht nur 10 Millionen Dollar für Harris´ überkandidelte Satire hin, sondern besorgte sich rasch prestigeträchtige Namen als Ersatz: Die famose Julianne Moore, die in letzter Zeit eher vom Rollenpech verfolgt scheint, sprang als Starling ein (was zu einer witzigen Rückblende führt – in einem Fernsehbericht ist deutlich Foster als Starling auszumachen), für die Regie holte man sich Ridley Scott, dessen mehr als sinkender Stern durch das Sandalenspektakel Gladiator zumindest kommerziell wieder wie ein Kometenschweif wirkte (dass er künstlerisch jetzt schon gut fünfzehn Jahre nichts außergewöhnliches mehr zuwege gebracht hat, hat in den USA bekanntlich noch nie jemanden gestört).
Und tatsächlich fasst man Hoffnung nach einer sehr guten ersten Viertelstunde: eine souverän behandelte Actionsequenz, in der die (ansonsten leider recht unwesentliche) Moore durch eine Pechsträhne bei einer blutigen Festnahme die guten Karten beim FBI verspielt (einer der wenigen bösen Scherze, der funktioniert: ein Glückwunschtelegramm der Vorgesetzten, in der ihr gratuliert wird, die weibliche Mitarbeiterin zu sein, die die meisten Leute auf dem Gewissen hat), aber dann zieht sich Scott auf sein Terrain zurück. Superslick sieht Hannibal aus - besonders Florenz, ein nachtblaues Amalgam aus Blut, Wasser und Glas - nur hat er weder Charaktere, die mehr als Chiffren wären, noch Spannung zu bieten. "I shot a woman carrying her child and I regret it" - soviel zu den Emotionen von Starling, bevor sie für die nächsten eineinhalb Stunden (abgesehen von ein wenig Forschungsarbeit am Computer) reichlich egal wird. Dieser Film gehört nämlich nur einem: Anthony Hopkins, der den nur 27, durch souveränen Manierismus so eindrücklich gewordenen Minuten aus Das Schweigen der Lämmer hier eine übertrieben ausgelassene Performance entgegensetzt. "Goody-goody" und "ta-tat" murmelt er öfters hintendrein: Was aber auf den ersten Blick wie selbstgefälliges Überspielen wirkt, ist tatsächlich die einzige Lösung, die dem Mimen bleibt, wenn man erst einmal erkennt, in welche unsinnig überzogenen Abgründe Hannibal schließlich taucht - eine kompetente Moore, die statt der sinnlichen Intelligenz von Foster auf verbissene Körperlichkeit setzt, geht dagegen unter, ebenso wie der routinierte Giancarlo Giannini, der in der ersten Hälfte des Films vergeblich als Lecters Widersacher aufgebaut wird. (Dass Gary Oldman nicht einmal in den Credits erwähnt wird, verwundert weniger: hinter seiner Latexmaske könnte nämlich jeder x-Beliebige stecken).
Was genau zum Problem von Hannibal führt: Scott inszeniert einen gutaussehenden Thriller von der Stange (intelligente Manöver wie Tak Fujimotos packende subjektive Kamerafahrten im Schweigen der Lämmmer wird man hier vergeblich suchen), aber das von David Mamet und Steven Zaillan aus Harris´ bösartigem over-the-top-Roman herausdestillierte Drehbuch schreit eigentlich nach einem Regisseur mit Sinn für die Verbindung von Gewalt und Slapstick (der Braindead-Showdown würde Peter Jackson nahe legen). So schleppt sich Hannibal erst einmal über eine Stunde durch Florenz und widmet sich Pazzis Versuchen, einen Fingerabdruck und später den ganzen Lecter zu fassen. Zum einen glaubt ohnehin keiner, dass ein dahergelaufener italienischer Chefinspektor auf dem absteigenden Ast dem genialen Kannibalen gefährlich werden könnte, was die handvoll Suspense-Sequenzen zwischen den überlangen, betont kultivierten Opernbesuchen und geistvollen Geschichtslektionen des wahnsinnigen Psychiaters eher überflüssig wirken lässt, zum anderen kollidieren Scotts todernste Visuals ständig mit dem vom Drehbuch geforderten, wohltuend überdrehten Humor: "I´m giving serious thought to eating your wife", meint Lecter da augenzwinkernd - und überhaupt ist die Ikone längst zu einer Art soigniertem Mac Gyver verkommen: allwissend, elegant, die Leerformel einer Bedrohung.
Das ist Hannibals größte Schwäche (von seinen betont lächerlichen Skriptlücken wie etwa der Vorstellung vom Internet oder sich gegen Ende häufenden, rabiat dämlichen Irrtümern der scheinbar so mächtigen Antagonisten): Spannung besitzt er keine, und dem eigenen Witz misstraut er ständig. Insofern könnte man sagen, dass Harris geplantes "Fuck you" an Hollywood voll aufgegangen ist - zwar weiden sich Scott und De Laurentiis an der Gewalt, aber die mögliche ironische Schärfe verpufft ebenso wie der wissentliche Umgang mit den Klischees des Massenmördergenres unter biederer State-of-the-Art-Durchschnittlichkeit. Wenn Verger, unter Drogen, dereinst unter Lecters Einfluss das eigene Gesicht mit Glasscherben (Glas und Spiegel kommen übrigens ständig vor, als wüsste der Regisseur, das er hier eine leere Selbstbespiegelung eines totgelaufenen Konzepts präsentiert), sich höchstpersönlich die Gesichtshaut abgekratzt hat und dann sinnierend nachsetzt "It seemed like a good idea at the time", wäre das einen Lacher wert - würde es sich nicht als die nächste, von Hans Zimmer einmal mehr mit verhackstückten Klassik-Schnipseln unterlegte Schnellschitt-Fehlframes-Bildorgie präsentieren, die wohl erschreckend sein sollte. Scheinbar hat man sich Vergers umnachtetes Weltbild schon lange zu eigen gemacht: Lecter ist Gott und alles andere ist Pipapo drumherum.
Das Resultat sind dann auch mühselige, überlange 131 Minuten, die durchwegs verärgern würden wäre da nicht der große, viel zu kurze Lichtblick von Hannibal, der ihn beinahe wieder sehenswert macht - Ray Liotta gibt einmal mehr eine grandiose, selbst Hopkins manierierten Gusto übertrumpfende Darstellung, die sich genüsslich in den Niederungen des Bösewichtdaseins wälzt. Jeder Auftritt eine witzige Übertreibung - wie es eigentlich hätte sein sollen (denn selbst die halbherzig nebenlaufende Parallelisierung von Verbrechen und Ermittlern, deren überspitzte Korruption Liotta triumphal verkörpert, verläuft wie alle Ideenstränge im Sand zwischen peinlicher Anbetung und halbherzig eingestandener Parodie); konsequenterweise gehört ihm dann auch die glanzvolle Idiotie des abstrusen Schlusses. "Mmmh, smells good." Was man vom Rest des Films leider nicht sagen kann. Eher ist da schon ein Bild emblematisch, in dem sich Starling, aufs "Hochsicherheitsgebäude" Mergers zusteuernd, nur durch eine Kuhherde und über einen Zaun begeben muss, um Eintritt zu erlangen. Nicht mehr das Schweigen der Lämmer, vielmehr: Das Muhen der Kühe.

Fazit: Was vor zehn Jahren originell war, ist nunmehr abgestanden - statt neue Maßstäbe zu setzten, ist Hannibal ein Serienmörderkrimi unter vielen - und nach dazu einer, wo man sich zwischen schwarzem Humor und todernster, vergeblicher Spannungsdramaturgie nicht entscheiden konnte. Anstrengender Schwachsinn - vom genial schwachsinnigen Ray Liotta abgesehen.