Eine verlassene Stadt, ein halbverfallenes Prachtschwimmbad, betrieben von Anton (
Denis Lavant) und seinem blinden Vater Karl (
Phillipe Clay), der mühsam jeden Morgen die das Gebäude regulierende Imperial-Maschine in Gang setzt, um seine zahlreichen Besucher zu versorgen. Das glaubt er jedenfalls - in Wirklichkeit finden hier nur ein paar Obdachlose her, der fröhliche Gästelärm, der das Becken umgibt, kommt von einem Tonband, um dem blinden Alten nicht die Illusion zu rauben. Dessen anderer Sohn, Gregor (
Terrence Gillespie), ist der Immobilienhai der Stadt: Ein altes Haus nach dem anderen wird weggesprengt, um seinen Neubauten zu weichen - auch das Hallenbad hätte Gregor lieber heute als morgen weg, doch wagt er es nicht, das seinem Vater ins Gesicht zu sagen. Also nutzt er die Gelegenheit die sich bietet, als die hübsche Eva (
Chulpan Hamatova), deren Anblick allein Anton in tiefste Verwirrung stürzt, mit ihrem Vater, dem alten Kapitän Gustav (Djoko Rossich), das Schwimmbad besucht. Er wirft einen Stein ins Becken, der den Seemann am Kopf trifft. Nicht nur dass Eva Anton für den Schuldigen hält und sich Gregor zuwendet, sondern die Baukomission macht eine Inspektion des Hallenbads. Urteil: mangelhaft. Schon droht die Schließung und damit der Abriss, aber Anton kann noch ein paar Tage frist herausschlagen. Jetzt steht er vor der schweren Aufgabe, ohne Geld das baufällige Hallenbad zu renovieren, was Gregor natürlich unterbinden will. Kompliziert wirrd das Ganze dadurch, dass Eva von ihrem Vater einen Kahn und eine Karte erbt, die die Insl Tuvalu zeigt. Eva will dorthin, doch dazu fehlt ihr ein Imperial-Kolben in der Schiffsmaschine. In einer Nacht- und Nebelaktion will sie also den aus dem Hallenbad entwenden. Das Chaos nimmt seinen Lauf.
Schon der Vorspann gleitet verschwommen, Unterwasseraufnahmen simulierend vorbei. In
Tuvalu will Regisseur
Veit Helmer das Kino wieder zurückführen an den Anfang des Seins: Zurück zum Nass, in den Mutterschoss der Zivilisation, heim ins viragierte Schwarzweiß des Stummfilms, weg von Dialogen. Die Charaktere hier sprechen nur wenige Wortbrocken: Ein internationales Kauderwelsch für die nötigste Verständigung, etwa "Technology System Profit.". Helmer erzählt seine Geschichte fast nur durchs Bild, der Ton dient mit seinen sorgfältig arrangierten Geräuschen der Atmosphäre und ist bis ins Detail durchgeplant, so wie die sanft verhaltenen Farbflächen den unterschiedlichen Räumen unterschiedliche Stimmung bringen sollen. Wie der Kanadier Guy Maddin kehrt Helmer dem Informationsüberschuss des jetzigen Kinos den Rücken zu, um sich auf die Poesie des Vergangenen zu konzentrieren: Ikonenhaftes Schauspiel und durcharrangierte Bilder abseits der Konsumgesellschaft.
Doch Helmer hat nicht ganz das Zeug, um sich seiner Aufgabe gewachsen zu zeigen. Wo Maddin, ein genialer Primitiver der Nostalgie, seine Obsessionen zwanghaft und seinen Witz unfassbar macht, wandelt Helmer am schmalen Grat zwischen Novelty-Act und Manierismus mit nur wechselhaftem Erfolg.
Tuvalu, soviel ist jetzt schon sicher, ist ein Film, der die Gemüter spalten wird: Die einen werden einen neuen Poeten loben, die anderen den Film schlicht unansehbar und nervtötend finden. Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte.
Grundlegend sympathisch an
Tuvalu ist, dass sich Helmer absetzt vom europäischen Koproduktionskino mit seinen "wichtigen" (gern historischen) Themen, dem schwerfälligen Schauspielernachdruck und der bleiernen Rhetorik, grundlegend abzulehnen ist seine unbeholfene Verbindung aus oberschlauem "Anderssein" mit Einschlag ins Selbstgefällige und der nur mäßig gelungenen Verbindung aus zwanghafter Poetisierung und absurdem Slapstick, dessen Comics-Effekte oft ein unpassendes Eigenleben in dieser kindlichen Traumwelt führen.
Schon am Anfang erschrickt ein Mann angesichts eines schlechten Möwenmodells -
Tuvalu ist voll von solchen Momenten, wo sich Unfähigkeit und Drang zur Überwältigung die Hand geben. Helmers Film bleibt zwar durchgehend so abwegig, dass man nie das Interesse an seinen Spielereien verliert, kann mit seiner unkonventionellen Machart aber nicht übers Altbackene seiner Handlung hinwegtäuschen. Gregor, der mit
Eraserhead-Frisur stilisierte Kapitalismus-Bösewicht, Anton, der akrobatische Unschuldige, Eva, die entzückende Kindfrau mit dem nervigen Lacher, sie alle bleiben wie so viele Gagserien des Films Ruinentrümmer der Beliebigkeit. Zu oft hat man die Wendungen und das Personal von
Tuvalu schon in anderen Filmen gesehen, um wirkliche Rührung angesichts Helmers arty Ambitionen zu zeigen, andererseits hat sein Bemühen um antiquierte Originalität etwas so Herzhaftes, dass man ihm selbst in den Momenten des Scheiterns eine gewisse Sympathie nicht versagen kann. Trotz allem kann
Tuvalu aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass seiner Ausführung die Kraft fehlt, die seine Konzeption haben möchte - die Künstlichkeit kommt immer wieder dem Anspruch auf unbeschwerte Brillanz entgegen und am Ende hätte man dem etwas abgestandenen Witz dieser minimalistischen Kunstkomödie im Niemandsland die befreite Blödheit seiner Schlussnummer gewünscht, in der Goran Bregovic das Silbenstammeln des internationalen Gemurmels zum rasanten Rockwitz erklärt. Nicht zufällig heißt die dann auch, sich ohne Prätentionen ihrer fröhlichen Nutzlosigkeit bewusst, ganz bescheiden
Mocking Song.