Lowell Bergman (
Al Pacino) arbeitet für die berühmte amerikanische Fernsehsendung
60 Minutes - dort führt Mike Wallace (
Christopher Plummer) zu Rekordeinschaltquoten Interviews zu Fragen, die die Nation bewegen. Bergmans Job ist es, Storys aufzutun. Als er wegen technischen Details über eine Zigarettenstudie einen Experten sucht, trifft er auf Jeffrey Wigand (
Russel Crowe). Der wurde soeben aus seinem leitenden Job in der Forschungsabteilung bei Brown & Willamson Tobacco gefeuert - und Bergman merkt bald, dass dieser Mann einiges weiss, was die Tabakindustrie geheimhalten will. Doch anfangs stösst er auf taube Ohren: Wigand hat ein Geheimhaltungsabkommen unterzeichnet. Als seine ehemaligen Arbeitgeber allerdings beginnen, ihn zusätzlich unter Druck zu setzen, und selbst seine Familie bedrohen, entscheidet er sich, an die Öffentlichkeit zu gehen, und zeichnet mit Wallace ein Interview für
60 Miutes auf, in dem er nicht nur seine Ex-Chefs des Meineids anklagt, sondern noch einiges Unangenehmes mehr über die Zigarettenherstellung kundtut. Doch damit ist nichts überstanden: Während Lobbyisten der Tabakfirmen daran arbeiten, Wigands Privatleben zu zerstören, versuchen sie auch die Ausstrahlung des Interviews mit allen Mitteln zu verhindern. Nun sieht sich auch Bergmann in der Zwickmühle...
Mit einem Jutesack und arabischen Chören beginnt
The Insider. Hinter der Textur des Jutesacks steckt Lowell Bergmann, auf dem Weg zu einem Hisbollah-Führer, den er zu einem Interview bewegen will. Zur gleichen Zeit hat irgendwo in einer vornehmen Vorstadtvilla ein Kind einen Asthmaanfall: Es ist Jeffrey Wigands Sohn. Parallelführung von Geschichten ist die Erzählstruktur von Michael Manns neuem, über zweieinhalb Stunden langem Film. Sein Geschick im Umgang mit Texturen lässt ihn dabei überraschend kurz erscheinen.
Die bösen Machenschaften der Tabakindustrie als dialoggetriebenes Drama klingt ja nicht unbedingt nach packendem Erzählkino - weit gefehlt: Mit
The Insider hat
Mann endlich den Stoff gefunden, für den seine pompöse, in Details wuchernde Erzählweise das perfekte Vehikel bildet. Weniger ein Themenfilm ist daraus geworden (das auch), als ein fast schon abstraktes Gemälde, dessen Unterströmung eine ständig wachsende Furcht ist. Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat Anfang der 90er tatsächlich stattgefunden, und wirft ein bedrückendes Licht auf die Macht von Wirtschaftsgruppierungen in unserer Gesellschaft. Dabei spielt Mann ein altbekanntes Spiel - der aufrechte Investigativjournalist, der dem Herzen der Verschwörung auf die Spur kommt - und mischt die Karten völlig neu.
Der wahre Held der ersten Hälfte von
The Insider ist nämlich Jeffrey Wigand. Russell Crowe gibt eine grossartige, nuancierte Performance: Mit Nickelbrille, weissem Haar und aufgespecktem Bauch spielt er Wigand als einen in sich ruhenden, aber leicht erregbaren Wissenschaftler, der die Lockungen des Kapitals durchaus zu schätzen wusste. Für das bequeme Auskommen und die soziale Sicherheit der Familie (eine Rarität im amerikanischen Kino: Die grösste Sorge, die Wigands Entlassung zu Hause hervorruft, ist die Angst, durchs soziale Netz zu fallen) hat er sich ins nicht eben angesehene Tabakfirmenprogramm eingetragen. Und überhaupt ist Wigand nicht unbedingt ein sympathischer Geselle: Neben einer Vorliebe für Alkohol und Zurückgezogenheit hat er noch einige dunkle Punkte in seiner Vergangenheit (die später den Lobbyisten der Tabakfirma, ob wahr oder nicht, zum Anschwärzen dienen). Bergmans Bemühen, das Vertrauen dieses Einzelgängers zu gewinnen, macht den Anfang des Films aus: Mann arbeitet sich durch Details der Kontaktaufnahme (eine Serie von Faxen, zögerlich auftauende Unterredungen, ein schwieriges Verhältnis der gegenseitigen Wertschätzung), ohne den Flow zu verlieren - streckenweise gleitet
The Insider wie ein bombastisches Orchesterstück vorbei, dessen überreiche Arrangements man erst durch mehrfaches Abtasten wahrnehmen kann.
Den Gegenblock (die moll-Tonlage sozusagen) bilden dabei grandios verfertigte Szenen der Paranoia, in denen Wigands zunehmende Furcht vor den Mittelsmännern des Tabakkonzerns ausgemalt wird. Dabei genügen oft schon minimale, eigentlich belanglose Ausgangspositionen (ein verdächtiges Geräusch im Garten, ein Beobachter auf dem Golfübungsplatz), um maximalen Effekt zu erzeugen: Hinter Glasfassaden und zu einer sorgfältigst arrangierten Tonspur (in der schon mal das Wandern des Basses von der Seite zur Mitte die Unbehaglichkeit verstärken kann) potenziert sich die Angst vor unbekannten Mächten - obwohl der Zuschauer nicht eben eingeladen wird, sich mit Wigand zu identifizieren, beginnt er seinen Schrecken zu teilen.
In der zweiten Hälfte, die sich vor allem auf Bergman konzentriert, führt Mann das Spiel mit dem Zuschauer noch weiter: Nachdem die Erleichterung darüber eingetreten ist, dass sich Wigand dazu entschieden hat, an die Öffentlichkeit zu treten, rollt ein zweiter Blockadestein ins Spiel. Die Medien, die sonst immer sogleich als Retter in der Not präsentiert werden, zeigen sich ebenso korrumpierbar wie der Rest der kapitalistischen Welt. Wegen einer anstehenden Übernahme fürchtet CBS um Gewinnentgang, sollte das Interview ausgestrahlt werden. Bergmans Einzelkampf um das Projekt wird hier (als Kontrapunkt zum ersten Teil) mit Wigands privatem Niedergang kontrastiert. Seinen Höhepunkt findet
The Insider nicht in einer Actionsequenz, sondern im Bild eines Mannes, der alleine in einem Raum sitzt, und dem sich in einer
Vertigo-gleichen Kreisbewegung seine grösste Sehnsucht auf einer fleischgewordenen Tapete auftut.
Das ist die tärke dieses Films: In seinem insistierenden Kreisen gelingt es Mann, private Entscheidungen zu Spannungsträgern aufzubauen, die jede Explosion in den Schatten stellen, ohne dabei das gleichmässige Voranschreiten des Films zu unterbrechen. Vor der obigen Szene etwa zieht langsam die Schnittgeschwindigkeit an, der Ton beginnt stärker zu pulsieren, und die handelnden Personen verfallen in gehetzte Dringlichkeit, ohne unglaubhaft zu werden, bevor die Szene kulminiert, um - wie ausatmend - in den Filmfluss zurückzugleiten. Ähnliches hat er schon vorher, bei Wigands härtester Entscheidung - soll er vor Gericht aussagen? - gemacht, einem Moment, in dem eigentlich nichts passiert (wir sehen Wigand nur stehen und denken), aber der innere Aufruhr der Figur greifbar wird und sich über das Dahingleiten der sorgfältig arrangierten Bilder legt, die mehrere Minuten Lang Wigands Weg zum Gerichtssaal verfolgen, wo sein Brüten durch einen Streit unter Anwälten noch qualvoll verlängert wird.
Wenn Russell Crowe die erste Geige in Manns Ensemble ist (und letzes Jahr schlichtweg des Oscars beraubt wurde), so steht Pacinos zweiter Violinist dem um nicht viel nach - anstelle auf Solopfaden zu wandeln (wie in letzter Zeit gerne), interagiert er hier auf freundschaftlicher Basis mit den Kollegen, zum beiderseitigen Vorteil. Von Christopher Plummers grösserer Rolle abgesehen (eine hervorragende Darstellung, wie sie sich allerdings zum echten Mike Wallace verhält, kann in Unkenntnis seiner Fernsehsendung nur geraten werden), schauen noch eine Unzahl bekannter Gesichter vorbei, die ein paar kleine Farbtupfer rund um die beiden Solisten setzen:
Michael Gambon als verschlagener Konzernboss etwa,
Gina Gershons nicht weniger toughe CBS-Anwältin, Diane Venora und Lindsay Crouse als die Frauen von Wigand respektive Bergman: Sie alle kratzen ihr kleines, wohlgeformtes Eckchen auf die breite Leinwand von Manns Epos, ohne jemals von den Hauptfiguren abzulenken.
Die sind Kämpfer gegen unsichtbare Mächte (in seiner Laufzeit arbeitet sich
The Insider am Drama der Protagonisten und der konstanten Bedrohung ebenso ab wie an den ethischen Fragen hinter ihren Entscheidungen) und zugleich persönlich schwer belastete Menschen. Spätestens mit
Heat war klar, dass Mann seine Stimme gefunden hat. Mit
The Insider hat er jetzt endlich einen über die Genregrenzen hinweggehenden, in jeder Hinsicht grossen Film gemacht - einer der die Gefahren im System ebenso anprangert wie ausnutzt, einer der stilistisch ebenso ausgefeilt ist wie inhaltlich, einer der seine Figuren als komplexe, wirkliche Menschen begreift und sie zugleich wie hinter Glas einfriert, um einen Blick wie durch die Lupe zu ermöglichen, einen Themenfilm, der sich als der spannendste Thriller des Jahres 1999 erwies. Am Schluss friert das Bild, diese sich ständig wundersam wandelnde Textur von Farben, Formen und Körpern, endgültig ein, während Pacino in einer Drehtür steht, und dazu kommt der Basslauf von Massive Attacks
Safe From Harm: Pure (und unerwartete) Ironie, nach
The Insider lauert die Verschwörung überall.
Fazit: Tabakkonzernenthüllungen als nervenaufreibendes Drama in üppiger Breite: Ein Meisterwerk.