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O Brother, Where Art Thou?
Heitere Adaption von Homers "Odyssee" der Brüder Joel und Ethan Coen, die das komödiantische Feuer ihrer Vorgängerfilme jedoch nie so richtig entfachen kann.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

Mississippi in den 30ern zur Zeit der Depression: Soeben konnten die drei Häftlinge, bestehend aus dem eitlen Anführer Ulysses Everett McGill (George Clooney), dem unterbelichteten Delmar O´Donnel (Tim Blake Nelson) und dem sturen Pete Hogwallop (John Turturro) noch ihren Wärtern entkommen, da haben sie auch schon mit der nächsten Schwierigkeit fertigzuwerden: Alle drei sind aneinandergekettet und auf der Suche nach den Millionen einer von Ulysses’ ausgeraubten Bank. Die Zeit drängt, denn innerhalb von drei Tagen muss der Schatz aus einem Gebiet ausgegraben werden, das wegen eines Staudammes überflutet werden soll.
Auf ihrer Flucht begegnet ihnen schon bald ein blinder Seher, der ihnen anvertraut, dass ein Schatz zwar auf sie warten würde, nicht aber der, den sie meinten. Gänzlich erschöpft finden sie sodann Unterschlupf bei Petes seltsamen Vetter, der sie auch von ihren Ketten befreit, sich jedoch als Kollaborateur der Polizei erweist, worauf das Trio neuerlich auf der Flucht vor den Häschern ist. Zum Glück gelingt es ihnen, mit Vetters Auto zu entkommen.
Auf ihrer Fahrt nehmen sie einen schwarzen Anhalter namens Tommy (Chris Thomas King) mit, der, indem er seine Seele an den Teufel verkauft hat, zum geübten Bluesgitarristen mutiert ist. Dieses Talent wird sogleich auch in der Radiostation eines ortsbekannten blinden Radiomanagers genutzt, um dort einen traditionellen Song unter dem Pseudonym "The Soggy Bottom Boys " auf Platte aufzunehmen, der fortan laufend im Radio gespielt wird und in Unkenntnis der drei zum absoluten Hit mutiert.
Doch wieder dauert es nicht lange und man ist von Polizei umzingelt. Da kommt der hektische Gangster George "Babyface " Nelson (Michael Badalucco) gerade recht: Er nimmt die vier in seiner Karosse mit, raubt in ihrem Beisein eine Bank aus und überlässt ihnen die gesamte Beute. Wieder auf sich gestellt werden Everett, Delmar und Pete im Wald von drei Sirenen betört und verführt.
Am nächsten Morgen ist Pete plötzlich verschwunden. Die zwei anderen, im Glauben, Pete habe sich in eine Kröte verwandelt, machen sich alleine weiter auf die Suche nach dem Schatz. Nachdem ihnen durch einen listigen Bibelverkäufer (John Goodman als sehr freie Interpretation eines Zyklopen) das gesamte Raubgut abgenommen wurde und auch Pete aus den Klauen der Gesetzeshüter befreit werden konnte, rückt Everett endlich mit der Wahrheit heraus: Es habe nie einen Schatz gegeben, er benütze die beiden in Wahrheit nur dazu, seine abtrünnige Ehefrau Penny (Holly Hunter) zu finden.
Bis es den dreien gelingt, Penny mitsamt Everetts Sprösslingen aufzutreiben, müssen sie sich aber noch mit arroganten Provinzpolitikern, dem Ku Klux Klan und anderen Störefrieden auseinandersetzen.

Kritik
Wer es noch nicht bemerkt hat, dem sei es an dieser Stelle verraten: Ethan und Joel Coens aktueller Streich entpuppt sich als sehr freie Adaption von Homers Odyssee. Zur Beruhigung sei gesagt: Auch ohne Vorbildung in griechischer Mythologie kann man der Handlung, soweit eine solche überhaupt existiert (was übrigens schon bei der Inhaltsangabe für den Kritiker so einige Probleme macht), ohne Probleme folgen.

Hoch war der Erwartungsdruck an das neue Werk der Brüder, die spätestens seit dem gefühlvoll erzählten Krimi "Fargo", der für die Kritiker dieser Welt so gar nicht einzuordnen ist, und der grandiosen Aussteiger-Posse "Big Lebowski", die noch viel schwerer einzuordnen ist, als die talentierten Wunderkinder Hollywoods gelten und die für manchen der schreibenden Zunft gar die Retter der Traumfabrik verkörpern.
Nun, herausgekommen ist ein sich an der chaotischen Erzählweise Lebowskis orientierendes, der exakten Charakterstudie Fargos eher bemüht folgendes "antikes" Roadmovie, das nur bedingt hält, was es verspricht. Angeführt von einem in seiner Mimik und Ausdruck auf einem frühzeitig schauspielerischen Höhepunkt befindlichen George Clooney – ohne "Dan Deppers" Haarwachs und ein Dutzend Haarnetze ist er es nicht – gelingt es dem kauzigen Trio schon sehr bald, die Sympathien an sich zu ziehen. Divergierend und doch irgendwie homogen stolpern die drei tollpatschigen Ausbrecher durch den Film, ohne Plan und Ziel, doch wozu auch, fragt man sich. Durch die geschickte und fortlaufende Einbindung von Elementen der Odyssee ist der Weg in Wahrheit vorgegeben, und damit auch das Ziel. Aus jeder auch so aussichtslosen Situation gelingt es den dreien, irgendwie zu entkommen, wodurch “O Brother...” durchaus auch als Hommage an das legendäre Komikerduo Stan Laurel und Oliver Hardy interpretiert werden kann. Da ist etwa die Szene, in der Everett, Pete und Delmar sich in des Vetters Scheune verschanzen, umzingelt von unzähligen Polizisten, die das Gebäude bereits mit brennenden Fackeln bewerfen und nur darauf warten, dem Trio den Garaus zu machen. Wenn dann Everett mit bereits brennendem Hosenboden die Flucht nach vorne antritt und gerade noch das rettende Auto erreicht, dann kommen nicht von ungefähr Reminiszenzen an Schwarz/Weiß-Slapstickorgien der 20er und 30er auf. Das Ganze garnieren die Coens selbstverständlich mit ihrem so typisch beiläufigen und scharfzüngigen Humor, der hier jedoch nie jene Grenze überschreitet, deretwegen wir “Big Lebowski” so ins Herz schlossen. Das Chaos ist hier ein geordnetes, was umso ernüchternder ist, als der Film enormes Potential hat.
Letzteres zeigt sich besonders, wenn die drei Sträflinge gemeinsam mit dem umwerfenden Chris Thomas King, eigentlich nur um ein paar Dollar abzusahnen, in der heruntergekommenen Radiostation eine Bluesplatte aufnehmen. Die dortige Einlage des Trios Clooney/Turturro/Nelson ist eine dieser Szenen, in denen die ganze Kunst der Coens kumulativ entfacht wird und wie ein gigantisches Feuerwerk im Geiste des Betrachters noch lange haften bleibt. Da bleibt nichts ausgespart: Weder die Kritik am System noch jene an der Musikindustrie. Unerheblich zu sagen, dass am Schluss der gesamte Staat Mississippi zur Musik der “Soggy Bottom Boys” tanzt.

Die Aufzählung an glänzenden wie ebenso schlicht “kranken” Ideen ließe sich beliebig mit dem Auftritt der Sirenen, die bei Joel Coen als sexuelle Verführerinnen inszeniert werden, oder dem bulligen Bibelverkäufer (wie immer glänzend disponiert: John Goodman, der Everett und Delmar mit einem Ast zusammenschlägt) fortsetzen, und man ist geneigt, “O Brother...” schon allein wegen seiner ins Detail verliebten Kameraeinstellungen zu mögen, doch auch ein finale furioso vermag nicht über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass dieses Vehikel an Skurillitäten und Bosheiten (nicht zu vergessen, dass hier besonders die gängigen amerikanischen Wahlkampfspektakel genüsslich durch den Kakao gezogen werden) nie so richtig zu zünden vermag. Zu sehr vermisst man das Unvorhersehbare, zu stark hat man sich auf eine durchgehende Linie zu Lasten des schrägen Wahnsinns konzentriert, der die filmischen Vorgänger der Brüder so wohltuend gegenüber dem Mainstream abgehoben hat. Höhepunkte wechseln sich mit Leerläufen ab, die auch durch die durchwegs genialen schauspielerischen Darbietungen, wobei hier vor allem George “Dr. Ross” Clooney und der mittlerweile zum Stammgast der Coens mutierte John Turturro hervorzuheben sind, sowie durch den die Gemütlichkeit der damaligen Zeit perfekt unterstützenden Soundtrack nicht abgefedert werden können.
Freilich, der visuelle Genuss, den die Bilder eines Roger Deakins bieten, entschädigt für zu manches Zuviel an Formalismus, der den Coen-Brüdern so gar nicht steht. Also, beim nächsten Mal wieder ein bisschen mehr Chaos!

Fazit: Wunderbar fotografiertes Coen-Movie, das wieder mit abgedrehten Dialogen glänzt, jedoch den Ideenreichtum und das Timing seiner Vorgänger vermissen lässt.