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High Fidelity
Plattenladenbesitzer in der Beziehungskrise - nach dem Roman von Nick Hornby.


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Eine Kritik von Christoph Huber

Schwere Zeiten für Rob (John Cusack). Mitten in einer seiner dauernden Krisen gibt ihm auch noch seine Freundin Laura (Iben Hjejle) den Laufpaß. Also zurück in den eigenen Plattenladen und mit den anderen nerds Dick (Todd Louiso) und Barry (Jack Black) Listen aufstellen. Etwa gemeinsam: die fünf besten Montag-Morgen-Platten oder alleine: die fünf schlimmsten Trennungen des Lebens. Das könnte auch über den frischen Schmerz hinweghelfen. Also macht sich Rob auf, seine Verflossenen abzuklappern, während ihn Visionen von Lauras Beziehung mit seinem Ex-Nachbarn Ian (Tim Robbins) peinigen. Aber nach einigen gestreßten Tagen im Plattenladen und einer Zwischenspiel mit der schwarzen Sängerin (Lisa Bonet) wird er aus seiner Zerrissenheit geholt, als Lauras Vater stirbt. Nochmal überwindet er sich und macht sich auf, Frieden mit ihr zu schließen.

Kritik
Prinzipiell lassen sich die Zuschauerschichten von Stephen Frears High Fidelity in genau zwei Gruppen einteilen. Diejenigen, die Nick Hornbys Roman gelesen haben, und diejenigen, die ihn nicht kennen. Für letztere dürfte der Film einiges an Spaß bieten: John Cusack ist die Idealbesetzung für den zwischen Musik und Liebe hin- und herschlurfenden Rob, die Verpflanzung der Geschichte von London nach Chicago ist relativ problemfrei vollzogen (Plattennarren gibt es schließlich überall) und mit einigem Gespür für die Schauplätze abgewickelt, der Sinn für komisches Timing gut ausgeprägt und die Darsteller rund um den unverzichtbaren Cusack eine hübsch ausgewogene Mischung aus neuen Gesichtern (wobei Todd Louisos zurückhaltender Dick heraussticht) und Cameos von gern gesehenen Schauspielern (besonders Lili Taylor und Tim Robbins haben Parts zum Glänzen). Vermutlich ohne Konkurrenz Frears bester Film seit The Grifters also, der mit Cusacks ständigem In-die-Kamera-Sprechen sogar eine einigermaßen originelle Struktur zu bieten hätte.

Wenn da nur nicht Hornbys Buch wäre. Nicht nur diesem Rezensenten hier gilt Hornbys frenetisch beiläufige Prosa über den Schmerz im Leben sowie den Schmerz in der Musik und das ständige nagende Fragen, was davon zuerst war (die Henne oder das Ei?), die im hochkomischen Plauderton der Verzweiflungskomik seinen Protagonisten zerlegt, als einer der besten Romane über Popmusik überhaupt (als einer der besten der Neunziger sowieso). Und als enthusiasmierter Anhänger des Buchs befürchtete man, daß eine Hollywoodadaption dieses haltlos persönlichen Werks die Kanten und biographischen Elemente abschleifen würde - und genau das ist eingetreten, wenn auch nicht so schlimm wie befürchtet.

"Hörte ich Musik, weil es mir schlecht ging? Oder ging es mir schlecht, weil ich Musik hörte?" - mit diesem aus dem Roman stammenden Fragen beginnt der Film (und zeigt gleich einmal, wie eminent filmisch Hornbys Denken auch ist - so eine Eröffnungszeile könnten sich viele Filme wünschen) und stürzt sich kopfüber in die Welt der Menschen, denen das Neusortieren der Plattensammlung den einzigen Trost vor der Unbill der echten Welt bedeutet. Was Elvis Costello singt, das ist immer gleich (und immer neu aufs Leben anwendbar) - was man an Fehlleistungen im Leben (und vor allem der Liebe) vollbringt, kaum auszubessern. Von dieser Weltflucht, in der sich Millionen befinden (und im Roman wiederfanden) erzählte Hornbys Buch, ohne dabei jemals die wirkliche Verzweiflung seines Protagonisten zu verraten. So fragile Konstrukte haben sich selten gut in Mainstreamkomödien übersetzt - High Fidelity bewegt sich als Film an der Grenze zur üblichen Genreplattheit.

Das wirkt böse hingesagt - offensichtlich war der Film vor allem Hauptdarsteller John Cusack ein Herzensprojekt (nicht nur am Drehbuch hat er mitgearbeitet, auch noch ein paar seiner Verwandten schauen in Kleinstrollen vorbei) und die liebevoll zwischen ausgelassenen und tragischen Momenten schwankende Adaption ist durchaus den meisten romantischen Komödien der letzten Zeit vorzuziehen. Nur: Wer von Hornbys eleganter Erzählkunst infiziert worden ist, dem springen die Defizite dieser Umsetzung allzu deutlich in die Augen.

Das beginnt bei den Nebenfiguren: Erst wenn man auf der Leinwand ihre Spaßkaliber sieht, geht einem auf, wie sehr Hornbys Ich-Erzählung eigentlich den Tonfall trifft, in dem wir andere Leute begrenzt sehen. Im Rahmen der subjektiven Prosa des Romans fällt nicht so auf, daß diese Personen weniger eigenständige Charaktere sind als abgeschnittene, hochkomisch verdichtete Kürzel einer Weltsicht. Vor dem objektiven Kamerauage (dessen Wesen auch Cusacks Monologe nicht zurückdrängen können) verkommen sie zumeist zum Stichwortgeber (Jack Blacks lebhafte Nebenrolle etwa scheint immer wieder nur ein verjüngtes John-Candy-Riff zu sein), die je nach Platz in der Geschichte als durchgeknallte Witzfigur (Tim Robbins) oder nerviges Anhängsel (Joan Cusack als Freundin von Laura und Rob) durchgehen.

Das ist nicht schrecklich - tatsächlich sorgt, was von Hornbys Stil (vor allem seine herrlich verknappten Dialoge, die auch dem Film so manches Glanzlicht aufsetzen) übrigbleibt, dafür, daß dies eine willkommen andere Untersuchung männlicher Neurosen (ein Genre, daß ja - der große Albert Brooks außen vor - neben Woody Allen vor allem seine Imitatoren teilweise in ein schier unansehnliches Hickhack ewiger Wiederholungen verwandelt haben) wird. Zwar haben die Frauen im Film nicht mehr viel zu tun (vor allem Iben Hjelje steht oft recht hilflos da), wo sie in Hornbys Roman durchaus als vollständiger Charaktere wirken - aber auch das ist ja im Hollywoodkino keine Seltenheit, und John Cusack (dessen knautschiges Gesicht und seine Vorliebe zum beiläufigen Unterspielen bisher verhindert haben, daß er als der hervorragende Schauspieler anerkannt wird, der er wirklich ist) gibt einen Helden, der verletzlich genug ist, dies wettzumachen - nur bleibt hier der Geschmack eines männlichen Egotrips mit Belohnungsphantasie wesentlich stärker zurück als in Hornbys Buch.

Und das liegt an der größten Schwäche von Frears Adaption: Die Erdung durch Musik erfolgt hier nicht. Natürlich blieben all die großartigen Sequenzen rund um die Grenze zwischen Obsession und Überheblichkeit im Plattenladen für den Film erhalten, natürlich ist es egal, wenn man einige der Säulenheiligen aus Hornbys Buch (die als Liste - auch die Rolle der Listen ist im Vergleich zum Buch von existenzieller Notwendigkeit zur schicken Erzählfloskel verkommen - die Geschichte einer Sozialisation erzählen) mit neueren Bands ersetzt hat (das ist eben dann die Geschichte einer anderen Sozialisation), und natürlich steht die Differenz zwischen Mehr-Wissen und emotionaler Einbindung immer auf einem gefährlich schmalen Grat (der Film spielt dies konsequenterweise herunter: Wo Hornbys Protagonist immer gefangen ist in seinem Dilemma aus hipper Schlauheit, die dazu verwendet wird, die emotionale Wucht des Musikerlebnisses sozusagen theoretisch abzusichern, dient es Frears Bildern meistens nur als Unterbau für solide verfertigte Witze). Aber der Roman High Fidelity besetzt all diese lebenswichtigen Umgangsformen mit Popkultur (hier eben vor allem Popmusik) mit einem klar nachvollziehbaren persönlichen Referenzsystem, das erklärt, woher die tragikomische Bindung zwischen Held und Lied kommt, der Film spielt das Lied und verläßt sich darauf daß sich der intellektuelle Mehrwert von allein einstellt. Tut er eben nicht.

Ein Beispiel: Im Roman lernen sich Rob und Laura kennen, weil er als DJ für sie Solomon Burkes klassische Soulnummer "Got To Get Off Of My Mind" auflegt. Im Buch folgt eine Beschreibung dessen, wie die Nummer auf der Tanzfläche wirkt, wie sie im Schaffen Solomon Burkes einzuordnen ist, warum es den Protagonisten bewegt, daß sich Laura ausgerechnet diese Nummer gewünscht hat. Im Film wird Burke (der dafür ansonsten einmal beiläufig erwähnt wird, vermutlich, um die Kontinuität zum Roman glaubhaft zu machen) gestrichen, dafür gibt es eine steppende Beat-Nummer plus dämlichen Auskennerdialog auf Schulniveau. ("Das ist eine tolle Nummer." "Ja, nicht wahr?") Und schon beginnt die Beziehung: Das läuft zwar flott ab (High Fidelity verliert zumindest nie sein Tempo), aber entledigt sich all dessen, was Hornbys Roman so großartig gemacht hat. Anstelle den wirklichen Schmerz zu beschreiben, den die verunsicherte Hauptfigur empfindet, wird er zu einer Triebkraft fürs Drehbuch herabgewürdigt. Die Traurigkeit, die am Ende die Auflösung von Hornbys Buch begleitet, verwandelt sich in ein glattes Happy-End. Man hat es am Anfang schon geahnt: Die erste, hübsch anzusehende Einstellung von High Fidelity zeigt eine auf der Vinylrille laufende Nadel, dazu erklingt die Musik. Das Rauschen auf der Platte, die Hacker und Knackser, die man auf seiner LP liebgewonnen hat, existieren nicht mehr. So hat sich der Film der Persönlichkeit des Buches beraubt: Ein bißchen, wie die Platte, die man schon jahrelang abgenudelt hat und dann auf CD nachkauft - es sind die gleichen Lieder, aber es ist einfach nicht dasselbe. Man liebt das Album noch immer, nur anders, so als wären all die Erinnerungen die daran hängen, von jemand anderem aufgezeichnet worden, einem Drehbuchautor vielleicht.