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Erin - Eine wahre Geschichte
Kämpferische Anwaltsgehilfin bringt im Alleingang Multikonzern zur Strecke, woraus der größte Schadenersatzprozess aller Zeiten wird.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

Erin Brockovich (Julia Roberts), alleinerziehende Mutter dreier Kinder, hat keine Arbeit und ist zu allem Unglück noch Opfer eines rücksichtslosen Autofahrers geworden, dem sie eine Halskrause samt Genickstarre zu verdanken hat.
Nachdem der schon in die Jahre gekommene Anwalt Ed Masry (Albert Finney) überdies ihren Prozess in den Sand gesetzt hat, kommt Erin auf die glorreiche Idee, bei diesem um einen Job anzuheuern. Mehr durch ihre sture Art als durch Masrys Wohlwollen schafft sie es, obwohl mit keinerlei juristischen Kenntnissen ausgestattet, in seiner kleinen Kanzlei unterzukommen. Wegen ihrer offenen und selbstbewussten, zum Teil aber auch sehr unhöflichen Art wird sie bald zum Feindbild der übrigen (weiblichen) Kanzleiangestellten, denen sie zudem durch ihrer freizügige Kleidung - Minirock und Stöckelschuhe - ein Dorn im Auge ist.
Auch im Privatleben scheint es für Erin wieder aufwärts zu gehen: Im arbeitslosen Harley Davidson-Freak findet sie einerseits einen Babysitter für ihre Kinder und andererseits einen neuen Freund und Liebhaber.
Eines Tages stößt Erin auf einen Akt mit einem scheinbar unspektakulären Immobilienfall, in dem sich jedoch seltsamerweise auch medizinische Gutachten befinden. Masry, der kurz vor seiner Pensionierung steht und sich nichts weniger als einen komplizierten Fall wünscht, gibt Erin ahnungslos sein Einverständnis zu weiteren Ermittlungen in diesem Fall.
Bei ihren Recherchen stellt Erin fest, dass zahlreiche Bewohner der Kleinstadt Hinkley, die im Einzugsgebiet des mächtigen Großkonzerns PG&E (Pacific Gas & Electric) gelegen ist, an Krebs und anderen, zum Teil mysteriösen Krankheiten leiden. Mit Hilfe von Akten des lokalen Wasserwerkes gelingt es der Anwaltshelferin schließlich nachzuweisen, daß es PG&E mit der Grundwasserentsorgung nicht immer so genau genommen und die gesamte Gegend rings um Hinkley mit Chrom verseucht hat. Je mehr sich Erin in den Fall vergräbt, gerät sie in einen Strudel voller Lügen, Bestechung und Heuchelei.
Obwohl ein Prozeß gegen den Multi anfangs aussichtslos erscheint, gelingt es der toughen Mutter sowohl ihren kauzigen Boss als auch die anfangs mißtrauischen Bewohner Hinkleys von der Idee zu überzeugen. Mit der Hilfe einer großen Anwaltskanzlei stellen sich Masrey und Erin schließlich dem übermächtigen Gegner...

Kritik
Ein Öko-Thriller mit einer emanzipierten Frau, die gegen Vorurteile gegenüber alleinerziehenden Müttern und der finanziellen Übermacht eines Großkonzerns kämpft? Wohl kaum möchte man einem derartigen Film Einspielergebnisse in der Höhe von 75 Mio Dollar und wochenlanges Anführen des US Box-Office zutrauen.
Doch wie so oft kommt es ganz auf die Inszenierung und die Darsteller einer Story an - und vielleicht im vorliegenden Fall auch auf die Tatsache, daß es sich um eine Geschichte handelt, die sich tatsächlich ereignet hat: PG&E mußte letzten Endes insgesamt 333 Mio Dollar Schadenersatz an die von Krankheit gezeichneten Bürger der Umgebung für Behandlungen und Medikamente zahlen, was einzig und allein dem selbstlosen Einsatz der Titelheldin Brockovich zu verdanken war.

Regisseur Steven Soderbergh (Sex, Lügen und Video, Out of sight) setzt die Geschichte der sturen und bisweilen rücksichtslosen Einzelkämpferin behutsam in langsamen, aber umso eindringlicheren Bildern um und konzentriert sich ganz auf die geradlinige Handlung. Er arbeitet dabei großteils mit Nahaufnahmen, wodurch die Story und die Menschen in den Mittelpunkt rücken.

Den wichtigsten Part hat aber Julia Roberts inne: Der Film lebt von ihr, von ihrer Darstellung der emanzipierten Mutter, die sich in einer von Männern dominierten Branche gegen Arroganz und Voreingenommenheit durchsetzt. Im Gegensatz zu ihren früheren Werken, wo Roberts über die Darstellung der naiven Schönen meist nicht hinausgekommen ist, verleiht sie der Figur der Brockovich eine ganz spezifische Note: Insbesondere Brockovichs Ehrgeiz, gepaart mit einem Übermaß an Egoismus und Schlagfertigkeit, kommt besonders gut heraus. So etwa als Erin ihren Anwalt Masry fluchend und mit wilden Drohgebärden erpresst, sie in seiner Kanzlei als Gehilfin einzustellen; oder als sie ungeniert im örtlichen Wasserwerk den Aufseher in kurzem Rock und weitem Ausschnitt inklusive Wonderbra dazu "überredet", stundenlang in geheimen Akten stöbern zu dürfen.
Aber auch die anderen Darsteller wie Aaron Eckhart oder Marg Helgenberger machen ihre Sache durchaus ordentlich und verleihen dem Film die nötige Tiefe.

Einen Glanzpunkt des Films stellen jedoch die witzigen Dialoge zwischen Erin und ihrem Chef dar, die stellenwiese an Szenen berühmter Komikerduos erinnern: Ed, aüßerst phlegmatisch und uninteressiert an jeglicher Aufregung, steht er doch nach einer anstrengenden Anwaltskarriere kurz vor seinem Ruhestand, kann mit Erins Zähigkeit, ihrer ungehobelten Art und dem ihm fremden Idealismus so überhaupt nichts anfangen, was zu wüsten Streitereien, Erins Entlassung, ihrer Wiedereinstellung und schließlich zum gemeinsamen Kampf gegen den übermächtigen Gegner führt. Ein Genuss...

Der Streifen ist gleichzeitig auch ein Hohelied auf alle alleinerziehenden berufstätigen Mütter, die trotz aller Steine, die ihnen in den Weg gelegt werden, ihr Ziel mit Geradlinigkeit und Selbstbewußtsein und einer gewissen Wurschtigkeitsattitüde erreichen können.

Auch wenn die Handlung nicht sonderlich aufregend und vorhersehbar ist und "Erin Brockovich" völlig frei von spektakulären Actionszenen ist, wurden meine Erwartungen nicht zuletzt dank der intensiven Darstellung durch Julia Roberts mehr als übertroffen, weshalb ich den Film allen Fans anspruchsvoller Thrillerware ans Herz legen kann.