Auf dem Rückweg vom Krankenhaus, wo Jeffrey Beaumont (
Kyle MacLachlan) seinen Vater besucht hat, der zuvor beim Rasensprengen einen Schlaganfall erlitten hatte, macht der Schuljunge eine seltsame Entdeckung: Er findet ein abgeschnittenes Ohr im Gras. Pflichtbewußt trägt er es zur Polizei, doch die Antworten des dortigen Detective Williams (
George Dickerson) über die Herkunft des Ohrs sind mehr als unbefriedigend.
Da kommt ihm dessen biedere Tochter Sandy (
Laura Dern) gerade recht: Sie hat nämlich mithören können, daß bei den Ermittlungen des öfteren der Name der Nachtclub-Sängerin Dorothy Vallans (
Isabella Rosselini) gefallen ist. Heimlich schleicht Jeffrey sich in deren Apartement, versteckt sich im Kleiderschrank und wird prompt entdeckt. Als es plötzlich klopft, verschwindet Jeffrey wieder im Schrank und muß aus dem Dunkel des Inneren mitansehen, wie Dorothy von einem gewalttätigen und psychopathischen Mann namens Frank Booth (
Dennis Hopper) zu perversen sexuellen Spielen gezwungen wird, wobei sich Frank mit Hilfe eines Gases, das er durch eine Maske einatmet, immer wieder in Stimmung bringt. Als Frank gegangen ist, klammert sich Dorothy hilflos an Jeffrey und nennt ihn mehrmals Don; Dorothys Ehemann, wie Jeffrey auf einem Foto erkennen kann. Letzterer wurde gemeinsam mit Dorothys Sohn Little Donny von Frank entführt. Frank selbst - so konnte Jeffrey in Erfahrung bringen - läßt sich durch den korrupten Polizisten Gordon, ein Kollege von Sandys Vater, Drogen beschaffen.
Jeffrey läßt die Szenerie nicht los: Des Nachts kehrt er an den Schauplatz des Schreckens zurück und tröstet Dorothy. Als die Sängerin ihn auffordert, sie zu schlagen, kommt er ihrem Verlangen nach. Doch dieses Mal wird er von Frank entdeckt: In brutalster Weise verfrachtet er den Jungen in sein Auto und fährt mit den beiden in ein schäbiges Bordell, das von Franks Freund Ben (Dean Stockwell) geleitet wird. Dort werden Don und sein Sohn festgehalten. Auf der Weiterfahrt versetzt Jeffrey Frank einen Schlag ins Gesicht, um sich auf diese Weise an den Demütigungen, die der Gangster an Dorothy begangen hat, zu rächen. Daraufhin wird Jeffrey von Franks Freunden brutal zusammengeschlagen.
Am nächsten Tag, nachdem Jeffrey Sandy Bericht erstattet hat, gestehen sich beide auf einer Party ihre Liebe. Es dauert nicht lange, bis diese Idylle gestört wird: Vor Jeffreys Haus wankt ihnen die mißhandelte Dorothy entgegen. Sandy, sichtlich schockiert über Jeffreys Nähe zu der Sängerin, bricht verzweifelt mit Jeffrey, versöhnt sich aber wieder mit ihm, als sie die Vorgeschichte erfährt.
In Dorothys Apatment findet Jeffrey die Leichen Gordons und Dons. Haßerfüllt erschießt er den herbeigeeilten Frank, der hinter ihm her war.
"It’s a strange world" läßt
David Lynch Jeffrey und Sandy im Laufe des Films ungezählte Male sagen.
Ja, es ist wirklich eine seltsame Welt, in die uns der amerikanische Regisseur nach seinem Flop mit "
Dune - Der Wüstenplanet" da führt. Mit
"Blue Velvet" begann Lynch seine psychologische Seelentiefenforschung im Innersten der kleinbürgerlichen US-Gesellschaft, die Society, die so typisch war für das Amerika des ausgehenden Jahrhunderts. Eine filmische Studie, die er 3 Jahre später im Medium Fernsehen mit der Soap-Opera
"Twin Peaks" fortsetzen durfte und die im Absurd-Schocker "
Lost Highway" ihren bizarren Höhepunkt finden sollte.
Oberflächlich betrachtet, ist "Blue Velvet" ein über dem Durchschnitt liegender Thriller, der von einem Schuljungen (Jeffrey) handelt, der sich auf die Spuren eines undurchsichtigen Kriminalfalls macht und am Ende den Gangster, hier in Gestalt eines Drogenhändlers und Entführers, in Eigenregie stellt. Eine Idee, die in der Filmgeschichte so neu ist wie die Zeitlupe als Gestaltungsmittel, allenfalls interessant durch die Verwicklung eines Internen (hier Polizist Gordon) in kriminelle Machenschaften. Perfekt inszeniert, gut gespielt,...
Doch "Blue Velvet" ist mehr: Nicht nur die Juroren des World Film Festivals in Montreal oder der Filmfestspiele in Venedig - die die Premiere sogar nach 20 Minuten stoppten, weil sie durch die lasziv-erotische Darstellung Dorothy Vallances durch Isabella Rossellini das Andenken an ihren Vater und Meisterregisseur Roberto Rossellini verletzt sahen und sich damit wohl eine der denkwürdigsten und diffamierendsten Fehleinschätzungen der Filmgeschichte leisteten (!) - , sahen in dem Film eine völlig neue und in ihrer Art noch nie dagewesene Form der Umsetzung gedanklicher Visionen und Träume auf der Leinwand; auch der Zuseher muß sich die Frage stellen, was real ist: die heile Welt da draußen in den perfide gemähten Vorgärten oder die Welt da drinnen, jene in Dorothys Apartement?
Ein weißgestrichener Zaun, dahinter ein Rasen, bei dem kein einziger Halm länger als die anderen hervorragt und der so grün ist, daß man schon wieder daran zweifelt. Schulkinder, die von Lotsen geleitet, im Gänsemarsch über den Zebrastreifen traben. Ein vorbeifahrendes Feuerwehrauto mit einem lächelnden Feuerwehrmann darauf. Und dazu im Hintergrund Lee Morriss’ schaurig schöner Evergreen "Blue Velvet": "Willkommen in Lumberton" steht auf einem Schild und das kann genauso gut als Einladung an den Zuschauer gerichtet sein. Wir befinden uns im idyllischsten und unschuldigsten Städtchen der USA. Nichts, rein gar nichts scheint diese Perfektheit zu trüben. So idyllisch, daß bereits ein Schlaganfall eines Ortsansässigen (hier Jeffrey Beaumonts Vater) ein Einschnitt in dieser Märchenwelt zu sein scheint. Als sich dann noch die Kamera wie eine Machete in Nahaufnahme durch die Grashalme des Beaumontschens Anwesen windet und wir kein leuchtendes Grün, sondern nur mehr Ungeziefer und Käfer sich auf den Pflanzen bewegen sehen, wissen wir: Es kann nicht so weit her sein mit der Idylle dieses Ortes.
Jeffrey Baumont, dargestellt von einem gegenüber "Dune" gereiften Kyle MacLachlan, ist die physische Inkarnation dieses "heaven on earth", ein verklemmter, von seinen Eltern behüteter Junge. Sein weibliches Pendant, Sandy, steht ihm in dieser Hinsicht um nichts nach: In ihrer jungfräulichen Naivität gefangen, wird sie es sein, die auch am Schluß noch immer an die von ihr zitierten Rotkehlchen glaubt, die das Lied von der Rückkehr der Liebe singen. Ihr Unbehagen stillt sie mit dem Satz "It’s a strange world", den sie wie eine Entschuldigung an verschiedenen Stellen stakkatoartig wiederholt.
Doch Jeffrey schert aus dieser Spirale der Langweile und Sättigung aus: Indem er sich auf die Suche nach dem Besitzer des abgeschnittenen Ohrs begibt, verläßt er seine Welt und dringt in eine neue ein. Er ist sich dieser Gefahr bewußt, doch ist die Neugier größer als die Sehnsucht nach Sicherheit.
Sandy sagt: "
Ich weiß nicht, ob du nur neugierig bist oder pervers." Worauf Jeffrey antwortet: "
Auch wenn ichs wüßte, ich würde es dir nicht verraten." Dieser Satz charakterisiert vielleicht am besten den Wesensunterschied der beiden Jugendlichen.
Schon als Jeffrey das alte, dreckige Mietshaus, in dem er die Ursache der mysteriösen Begebenheiten vermutet, betritt, hat er die Reise unter die Oberfläche angetreten, eine Reise, die laut Lynch "so tief hinunter" führt, "wie es nur geht".
In Dorothys Apartement muß sich Jeffrey nun dieser Welt außerhalb des Scheins stellen. Aus seinem Blickwinkel im Wandschrank - wir nehmen in dieser Szene vorerst das gesamte Geschehen nur aus der Perspektive der subjektiven Kamera wahr - sehen wir Dorothy, wie sie nach einem Auftritt im Nachtklub langsam ihre Kleider auszieht, ein Telefonat führt und danach am Boden kauert. Jeffrey (und mit ihm der Zuschauer) wiegt sich in der sicheren Position des Beobachters, der angetan ist von dem Schauspiel subtiler Erotik. Diese Position der Anonymität muß er (müssen wir) aufgeben, als Jeffrey von Dorothy entdeckt wird. Er wird vom passiven Voyeur zum aktiven Mitspieler. Verstört und unsicher, und noch fremd in dieser Rolle, reagiert er zunächst nicht auf Dorothys masochistische Obsessionen. Erst später wird er sich trauen, ihre Begierden zu erfüllen und seine eigenen geheimen Wünsche hineinzuprojizieren und zu verwirklichen. Die sexuelle Unterdrückung - sei es eine von sich selbst oder durch die Umwelt auferlegte - wird aufgegeben, die Neugier nach dem Unbekannten ist größer.
Die Schlüsselszene des Films findet ihre wahre Syntax aber erst mit dem Auftauchen Franks, der eigentlichen Hauptfigur in "Blue Velvet". In seiner psychopathischen und terrorisierenden Gestalt akkumuliert sich das Böse, er ist die eigentliche Verkörperung Jeffreys (und unser aller dunklen Seite?). Frank, der als fleischgewordener Tyrann an Dorothy seine auf den ersten Blick perversen und sadistischen Phantasien auszuleben scheint, indem er sie schlägt und ihr blauen Samt in den Mund stopft, ist in Wahrheit nicht mehr als ein Häufchen Elend. Bei genauer Betrachtung wirkt er hilflos und mitleiderweckend, wenn er sein Gesicht wie ein kleines, schutzsuchendes Kind in Dorothys Schoß versteckt - das vielzitierte Kind im Manne wird sichtbar. Assoziationen zu einer gestörten Kindheit und Jugend werden geweckt, wenn Frank Dorothy fast schon anfleht: "Mami! Mami! Baby will ficken!" - in der Umsetzung dieses zwiegespaltenen Charakters steckt vielleicht die beste schauspielerische Leistung, die Dennis Hopper jemals gegeben hat.
Lynch hat diese Szene, die im Gedächtnis des Zuschauers verharrt wie das ausgestopfte (!) Rotkehlchen am Zaun im Finish des Films, in Echtzeit gedreht, das heißt die 17 Minuten im Film entsprechen sekundengenau auch der Realzeit, was die schockierende Kraft verstärkt und dem Betrachter das Gefühl gibt, an diesem Geschehen auch tatsächlich teilzuhaben. Zahlreiche Kritiker haben sich an Interpretationen und Deutungen der "Kasten"-Szene versucht und die wenigsten treffen dabei wirklich den Punkt. Der schon in seinen früheren Filmen strapazierte Akt der Geburt, den Lynch als einen Austritt aus einem Milieu der Unschuldigkeit in eine Sphäre des Schmerzes und der Sünde (man beachte die Parallele zum biblischen Grundpfeiler der Erbsünde) betrachtet, wird diesmal in der Wandlung des Jungen zum Mann – in Person Jeffreys - und dessen Umkehrung in Person Franks vollzogen.
Filmtechnisch gesehen ist die Szene natürlich auch eine Hommage an
Hitchcocks "Psycho", stößt man doch auch beim Meister des Suspense auf einen komplexgeladenen Spanner, der im weiteren Verlauf zum Aggressor wird, freilich in viel radikalerer Form als bei Lynch.
Bei Tag findet sich Jeffrey wieder in "seiner" verlogenen Welt. Naivität und Verdrängung beherrschen das Bild. Charakteristisch, wenn Sandy mit Engelsmiene zu Jeffrey sagt, "
Warum gibt es solche Menschen wie Frank? Und warum gibt es so viel Böses auf der Welt?".
Nichts verdeutlicht den Gegensatz zwischen diesem bildgewordenen "Himmel und Hölle" mehr als die Dreiecksbeziehung zwischen Jeffrey, Dorothy und Sandy.
Dorothy ist einerseits die Konterkarierung, andererseits die Ergänzung zum naiven Schulmädchen Sandy, doch beiden fühlt sich Jeffrey auf verschieden Weise zugetan: Bei Sandy empfindet er die Geborgenheit und Liebe, so wie sie ihm in seiner Kindheit und Jugend immer vorgegaukelt wurde, in Dorothy die Erfüllung seiner intimsten Wünsche und sexuellen Träume. Man kann auch sagen, in Dorothy lernt Jeffrey die eigene Geschlechtlichkeit kennen, er wird zum erwachsenen Mann. Dorothy wiederum sieht in Jeffrey den Ersatz für ihren entführten Mann, bei genauerem Hinsehen vereinnahmt sie ihn aber auch als ihr Geschöpf und kompensiert dadurch ihre Sehnsucht nach dem ebenfalls entführten Little Donny.
Die beiden konträren Welten treffen nur einmal aufeinander, als Sandy haßerfüllt zusehen muß, wie sich die von Frank geschundene Dorothy an Jeffrey schmiegt, dem Sandy kurz davor noch bei einer Party ihre Liebe gestanden hat. Es ist ein gespenstisches Bild, diese geschundene Dorothy, im Lichtschein des gepflegten Vorgärtchens der Beaumonts. Das Lügengebäude, das sich die Bewohner selbst aufgabut haben, bricht endgültig auseinander.
Für seine Neugier wird Jeffrey bitter bestraft. Frank mißhandelt und demütigt ihn vor den anderen, doch trotz des Aufbegehrens Jeffreys erfährt diese Demütigung ihre eigentliche Syntax, als Frank Jeffrey den alten, von Lynch perfekt getimeten Roy Orbison-Song ins Ohr flüstert: "
In dreams I walk with you/ In dreams I talk to you/ In dreams you’re mine/All of the time we’re together...", denn dann weiß Jeffrey: Frank ist in ihm selbst. Er wird ihn nicht mehr loswerden. Wobei sich die Frage stellt: Will Jeffrey ihn überhaupt loswerden?
Daß selbst im Grauen des filmischen Alptraumes Lynch nichts und niemanden ernstnimmt und stellenweise mit tiefschwarzem Humor arbeitet (der von Angelos Badalamentis atmosphärischer Musik noch zusätzlich unterstützt wird), beweist nicht nur seine erzählerische Vielfalt, sondern widerlegt auch den von einigen Kritikern in den Raum gestellten Vorwurf, Lynch-Filme spielten nur mit dem Mittel der Provokation. Exemplarisch für Lynchs Sinn für Humor ist die Szene, in der sich Jeffrey mit abgeschürftem, von Franks Schlägen gezeichnetem Gesicht zu seinen Tanten an den Tisch setzt, diese kurz fragen, was geschehen ist, und sich noch ehe Jeffrey darauf antworten kann, wieder dem Tagesthema Wetter widmen. Und Frank, der sich durch das Inhalieren narkotischer Substanzen immer wieder in Stimmung bringen muß, ist schon eine Karikatur für sich.
Mit "Blue Velvet" spielte Lynch seinen Anhängern wie Gegnern einen Streich: Zum ersten Mal scheint er durch die Kriminalgeschichte um den Gangsterboß Frank Booth herkömmlichen Erzählmustern zu folgen. Ein Trugschluß, denn alles konzentriert sich in Wahrheit nur auf den Übergang vom Licht ins Dunkel, den Übergang vom Kind- zum Erwachsenensein, den Übergang vom Guten zum Bösen. Damit hat der Regisseur letztlich nicht nur Kritik am prüden Amerika der konservativen Reagan-Ära geübt, sondern auch und vor allem einen massiven Angriff auf die Filmbastion Hollywood mit ihren in Zelluloid verpackten Scheinwelten und ihren von kreativem Stillstand geprägten Geschichten verübt.
Vielleicht mit ein Grund, warum der Film in den USA mehr als zwiespältig aufgenommen wurde, wobei vor allem - wie könnt es anders sein - in den Gewaltszenen der Stein des Anstoßes gefunden wurde und manche gar ein überkommenes Frauenbild erkennen wollten. In Europa hingegen fuhr "Blue Velvet" viel Lob und Auszeichnungen ein, ein Zeichen dafür, daß Lynch von seinem Stil her schon immer mehr ein europäischer denn ein amerikanischer Regisseur war.
Der Epilog wiederholt die Bilder des Anfangs in umgekehrter Reihenfolge und schließt mit einem seltsam harmonischen Happy End.
Fazit: Ein beunruhigender und verstörender Film, der ein Gefühl der Beklemmung im Betrachter auslöst und mit einem seltsamen Happy End schließt - und damit wieder den begonnenen Kreis mit umgekehrtem Prolog schließt.